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Drachenherz Kapitel 6
Der Zauber
Ein schmerzhaftes Zerren an seinen Handgelenken ließ ihn erwachen. Er hatte die Augen noch geschlossen, versuchte sich zu erinnern. Wo war er? Was war passiert?
Langsam sickerte auch die Erinnerung wieder in seinen brummenden Schädel - und die Erkenntnis, dass er das Zerren nicht nur an seinen Handgelenken spürte, die ihm zudem eingeschlafen waren. Eigentlich zerrte an jeder seiner Extremitäten irgendetwas. Auch an seinen Flügeln, und seinem Schwanz, der zudem schmerzhaft abgeknickt war.
Ein kurzes Ziehen bestätigte seine Vermutung. Er war gefesselt. Auf eine äußerst unangenehme Weise, denn die Fesseln übten einen ständigen Zug auf seinen Körper aus. Und die Auswirkungen waren schon mehr als deutlich zu spüren. Seine Gelenke brannten, jede Bewegung kam ihm vor, als würde irgendetwas in seinem Körper zerreißen und sämtliche Muskeln hatten sich schon zu harten Knoten verspannt. Er wusste, das war nichts, was zufällig passierte, wenn man jemand fesselte. Da wollte sich jemand für den Kampf rächen, den sie ihren Angreifern geliefert hatten - das hatten sie doch?
Drew konnte sich einfach nicht erinnern... Er war zu schnell ausgeschaltet gewesen.
Was er dafür sicher wusste war, dass irgendeiner der Überlebenden ein ziemlicher Sadist war. Und zwar einer, der sich gut mit Fesseln auskannte!
Drew versuchte gar nicht erst, sich gegen die Fesseln zu wehren. Das würde alles nur noch schmerzhafter machen. Statt dessen öffnete er seine Augen einen Spalt breit und versuchte, sich zu orientieren.
Keine zwei Schritt von ihm entfernt lag der Steppenkrieger auf der Seite, Arme und Beine nach hinten gebogen und dort wohl aneinander gefesselt. Auch keine sonderlich bequeme Position.
Sah so aus, als hätten sie es denen tatsächlich ordentlich gezeigt! Dafür sprach auch die beachtliche Anzahl von Striemen und Schnitten, die sich über den Körper des Anderen zogen - aber die Verletzungen schienen alle oberflächlich zu sein und waren auch schon verschorft.
Kein Wunder, sie waren schließlich wertvoll. Aber gerächt hatte man sich an ihnen trotzdem.
Bastarde!
Ein kurzer Blick reichte aus, um den Rest ihrer Umgebung zu erfassen. Sie lagen in einem Zelt - und es war leer, wenn man von ihnen Beiden absah. Zumindest in dem Teil des Zeltes, den er einsehen konnte. Aber er hatte keinen Eingang entdecken können, das bedeutete, dass dieser irgendwo in seinem Rücken war. Er konnte also nicht sehen, ob nicht vielleicht doch noch jemand anwesend war - und das verdammte ihn dazu, still liegen zu bleiben und zu warten. Nicht, dass er sich hätte viel bewegen können... aber frustrierend war es trotzdem.
Drew lauschte. Nein, da war wohl niemand. Kein Atem, außer dem ihrer beider.
Drew wartete noch einige Momente.
"Hey!" zischte er, "wach auf!" Er wusste nicht einmal wie der Steppenkrieger hieß.
Ein unwilliges Stöhnen zeigte ihm aber, dass der Mann erwachte. So wie sie ihn zugerichtet hatten ein Wunder.
Drew beschloss ihm etwas Zeit zu geben und bemühte sich, in eine andere Position zu rutschen. Er lag auf der Seite. Die Handgelenke hatte jemand mit den Flügelgelenken zusammengebunden. Die Beine hinten gefesselt an den zusammengefalteten Schwanz. Er konnte sich keinen Millimeter bewegen.
Die Fesseln waren so eng, dass sie sogar in die schuppige Haut seines Körpers einschnitten.
Drews verletztes Bein pochte so sehr, dass es ihn halb verrückt machte. Niemand hatte sich um den Bruch gekümmert und wenn nicht bald Jemand kam der das tat, war er vielleicht nicht mehr viel wert.
Tatsächlich musste irgendwer vor dem Zelt den selben Gedanken gehabt haben, denn noch ehe sein Retter ganz erwacht war, hatte ein weiterer Mann das Zelt betreten.
Drew hatte zuerst dessen Luftholen gehört, als er der beiden Gefangenen ansichtig geworden war. Doch dann hörte er den Neuankömmling auch schon schimpfen und an irgendjemand, den er nicht sehen konnte Befehle geben.
"Nicht zu fassen... Bringt meine Ausrüstung! Hoffentlich ist es nicht zu spät...
vorzüglich vorzüglich..
Jemand muss es losbinden!"
Drew hörte Widerworte. Wahrscheinlich von draußen.
"Das ist keine gute Idee! Es ist gefährlich."
"Nun guter Mann, das kann ich auch sein. Nun tut was ich sage!" hörte Drew die hochmütige Stimme des Ersteren.
Ein gerüsteter Wachmann kam in sein Blickfeld und versuchte nervös seine Fesseln zu lösen. Drews geschlitzte Drachenaugen sahen ihn durchdringend an. 'Ja binde mich nur los', schienen sie zu sagen, 'Mal sehen, wie du schmeckst!'
"Geh beiseite.. das kann man ja nicht mit ansehen!" der andere Mann kam ins Blickfeld und schob den verängstigten Wachmann fort. Er versuchte gar nicht sich an den Fesseln zu schaffen zu machen, sondern hob die behandschuhten Hände zu einer Folge komplizierter Gesten.
Drew beobachtete ihn. Der Mann - ein Elf - war sehr gut gekleidet, in eine dunkle Robe und Beinkleid mit Stickereien - wirkte Magie. Er spürte das Kribbeln unter seiner Kopfhaut.
Und tatsächlich lösten sich die Fesseln und glitten von ihm ab.
Der Mann jedoch gestikulierte weiter. Drew spürte die Macht, die dem Elfenmagier innewohnte. Vielleicht hätte sein Wille ihr einige Zeit widerstehen können, wäre er gesund gewesen, aber nun bewirkte sie, dass er anstatt aufzuspringen und anzugreifen hilflos und gelähmt liegen lieb.
Drew hatte keine Ahnung was der Elf als nächstes tat, aber es trieb ihm fast die Tränen in die Augen. Ein Fauchen drang aus seiner Kehle, ohne dass er es wollte, während der Magier sein Bein berührte und kompliziert klingende Worte sprach.
Und es schien eine Ewigkeit zu dauern.
Als der Mann mit ihm fertig war, mochte sein Bein soweit geheilt sein, doch Drew fühlte sich, als hätte er ihn mit Messerklingen die Knochen abgeschabt.
Der Krieger aus den weiten Steppen des Ostens hatte die ganze Zeit reglos verharrt und zugesehen, blinzelnd mit einem Auge. Sie sollten nicht merken, dass er wach war.
Ein Magier also. Zuerst vermutete er, dass dieser den Geflügelten folterte, doch dann wurde ihm klar, dass es eher das Gegenteil war. Allerdings klang das Fauchen und Zischen des Geschuppten dennoch eher nach peinigenden Torturen.
Als der Magier letztendlich fertig zu sein schien, wirkte der Drachenmann nicht sehr erleichtert, aber für ihn sah es so aus, als würde dieser trotzdem völlig erschöpft einschlafen.
"Keine Sorge. Er wird sich die nächste Stunde über nicht rühren können. Und bis dahin haben die Schmiede die Kette fertig!" erklang die sanfte Stimme des Elfen wieder.
Der angesprochene Wachmann murmelte etwas unverständliches und starrte weiterhin gebannt auf die Szene.
Dann drehte sich der Magier zu ihm um. Ja so hatte er sich die Elfen immer vorgestellt. Schmal, bleich und hochnäsig. Dieser hier sah genauso aus.
Der Magier blieb zwei Schritt weit vor ihm stehen und begann mit einem neuerlichen Singsang und Gesten, die er nur für einen Augenblick unterbrach. "Führt die Lady herein, er muss sie sehen, damit der Zauber wirkt!"
Ein Lächeln begleitete die Worte und der Krieger war sicher, dass der Elf genau wusste, dass er nicht schlief.
Doch er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Denn schon wurde die Zeltplane, die den Eingang bildete, geräuschvoll zur Seite geschoben. Zuerst war nur ein starker Arm zu sehen, der die Plane beiseite schob - und damit den Blick auf eine äußerst seltsame Gestalt freigab. Zumindest, wenn man bedachte, wo sie waren. Flankiert von zweien der überlebenden Angreifer - mit deutlich sichtbaren Verletzungen - stand eine junge Frau in der Türöffnung, und wirkte dort so deplatziert, wie ein Steppenkrieger mitten auf dem Marktplatz in Dwantir.
Diese junge Frau war offenbar ebenso reich wie schön - und mächtig. Diese drei Attribute sprangen jeden an, der sie zu Gesicht bekam, sprachen aus jeder Bewegung ihrer feinen Glieder. Ihre Gesichtszüge waren unter einem weißen Schleier verborgen, der perfekt ihr weißes Gewand ergänzte, welches absolut makellos schien, und ihr bis auf die Knöchel reichte.
Und dieses Wesen, dass wie aus einer anderen Welt schien, Schritt durch den vom Regen aufgeweichten Boden mitten in das Zelt hinein, als wäre es das natürlichste der Welt! Natürlich hatte der Steppenkrieger niemals einen Adeligen aus Dwantir gesehen, aber diese Frau strahlte eine solch unmißverständliche Aura aus, dass selbst der unwissendste Steppenkrieger keinen Zweifel an ihrer Herkunft gehabt hätte.
"Dann können wir anfangen", sagte der Elf, und lenkte damit die Aufmerksamkeit des Steppenkriegers von der weißen Gestalt ab. "Wie heißt du?", wandte sich der Elf nun zum ersten mal direkt an ihn. Natürlich blieb er stumm, starrte den Elf nur feindselig an.
Der wartete einige Sekunden, bevor sich ein Lächeln auf sein Gesicht stahl. Es sah alles andere als belustigt aus. "Natürlich. Wie immer", murmelte er, mehr zu sich selbst, und dann: "du wirst mir antworten, Steppenkrieger. Ob du willst oder nicht!"
Der Elf starrte dem Steppenkrieger weiterhin direkt in die Augen, und begann wieder, leise in einer unbekannten Sprache vor sich hin zu murmeln. Gleichzeitig bewegten sich seine Hände.
Die Reaktion des Steppenkriegers ließ nicht lange auf sich warten. Zuerst riss er erstaunt die Augen auf, begann dann am ganzen Körper zu zittern, und stöhnte sogar leise, während der Magier seine Hände wieder sinken ließ. "Also? Wie heißt du?"
Der Krieger begann stärker zu zittern, und es dauerte nur Augenblicke, bevor er seinen Mund öffnete. Das siegessichere Lächeln des Magiers wurde dabei breiter - bevor es auf seinem Gesicht gefror: Was da aus dem Mund des Steppenkriegers kam, klang äußerst ungezogen. Fast glaubte man, einen leichten Rotschimmer unter dem weißen Schleier der Lady zu erkennen!
Nicht, dass der Steppenkrieger irgendwen beleidigt hätte. Er hatte nicht einmal richtig gesprochen. Was aus seinem Mund kam, war eine Reihe von Klicklauten, unterbrochen von wiederholtem, hörbarem Schlucken, und fast schlangenhaftem Zischen.
"Soso, du widersetzt dich also immer noch?", erklang die Stimme des Elfen nach einer kurzen Pause - und klang jetzt so kalt, dass die Zuhörer fast fröstelten. "Nenne deinen Namen!", befahl er dann, deutlich lauter.
Und wieder begann der Körper des Steppenkriegers zu zittern, sein Gesicht verzerrte sich gar vor Schmerz - aber wieder erklang diese seltsame Abfolge verschiedener, fast tierischer Laute aus seinem Mund.
"Er ist erstaunlich widerstandsfähig, mein Lieber", erklang eine glockenhelle Stimme, "und er macht sich über euch lustig". Die Melodik der Stimme hatte durchaus Ähnlichkeit mit der der Elfensprache, fast als sänge die Sprecherin... obwohl sie ganz alltägliche Worte benutzte.
"Ihr könntet Recht haben, Mylady...", antwortete der angesprochene Magier nachdenklich. "Aber ich habe da so eine Ahnung, dass wir es mit etwas anderem zu tun haben... Was ist, wenn er sich gar nicht widersetzt?"
"Wie könnte das sein? Er gibt nur tierische Laute von sich!", entrüstete sich die junge Frau.
"Ist euch aufgefallen, dass er exakt die gleichen ... Laute gesprochen hat?", gab der Magier zu bedenken, es schien ihm schwer zu fallen, das Gehörte als Sprache zu bezeichnen. "Niemand hat die Steppenkrieger jemals ihre eigene Sprache benutzen hören. Vielleicht...", er brach ab, schien fast erschrocken über diesen Gedanken.
"Aber... wie soll ich ihn denn dann nennen?", fuhr die junge Frau ein weiteres mal auf. "Ich... ich werde ihm das auf gar keinen Fall nachmachen!"
Der Magier nickte verständnisvoll. "Niemand verlangt das von euch, Mylady. Es gibt eine Alternative die euch gefallen wird. Wir können ihm einfach einen neuen Namen geben. Die Wirkung des Zaubers wird das nicht beeinflussen!"
Plötzlich klatschte die junge Frau in die Hände. "Eli! Ich hatte mal einen Sklaven der so hieß... Ja, der ist gut!"
Der Magier nickte. "Wie ihr wünscht, Mylady". Und dann begann er wieder zu gestikulieren und in der fremden Sprache vor sich hin zu murmeln. Wieder begann der Steppenkrieger zu zittern, mit zunehmender Lautstärke der fremden Worte stöhnte er leise - und immer noch starrten sie sich unverwandt in die Augen.
"...Eli...", obwohl fast untergehend in der Flut der fremden Worte - die ungewöhnliche Betonung des Wortes ließ es trotzdem unüberhörbar aus dem auf eine eigentümliche Weise monotonen Singsang herausstechen. Und die Wirkung war noch offensichtlicher. Kaum war das Wort gefallen, spannte sich der Körper des gefesselten Kriegers an, bog sich nach hinten, als sei er auf ein riesiges Rad gespannt... und ein Ausdruck unglaublicher Qual lag auf seinem Gesicht. Er bewegte sogar die Lippen, als versuchte er, etwas zu sagen - doch kein Laut entwich seiner Kehle.
Als wäre es ein Stichwort gewesen, hob die junge Frau ihre Hände langsam, ergriff mit den Fingerspitzen ihren Schleier und hob ihn langsam an, enthüllte einen schlanken Hals, umrahmt von einem wahren Meer schwarzer Locken, welche ihren ohnehin vornehm blassen Teint noch heller erscheinen ließ. Ein kleines Kinn, wohlgeformte, volle Lippen, blaue, stechende Augen...
"... Raija Markali!", endete der Magier endlich, nach fast zehn Minuten anhaltendem Singsang, gerade als sich der Schleier über die Augen der jungen Frau hob, welche den Steppenkrieger geradezu zu durchbohren schienen.
"Ja, das bin ich!", frohlockte sie, während sich der Körper des Kriegers langsam wieder entspannte. "Und du", fuhr sie nun wesentlich ruhiger, mit fast bedrohlicher Stimme fort, "bist nun mein Eigentum, Eli!"
(c) Susanne Forster & Tjörn Sinzig
Kontakt: www.boronk.de oder www.virtualwords.de
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Autor: Gastautor
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Der eigentliche Autor wird gewöhnlich unter dem Text genannt. Außer es handelt sich um einen anonymen Artikel.
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