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Drachenherz - Kapitel 3
Eltern
Die folgenden Tage waren angefüllt mit Wundern und Schrecken gleichermaßen.
Die Mutter, deren Namen Tir'Yalree war, sorgte gut für ihren Nachwuchs: Frisches Fleisch brachte sie täglich und sie war streng damit, dass sich ihre Jungen ordentlich aufführten. So wild Drachen sein konnten, sie waren keine Tiere.
Tir'Yalree verbot es, dass sich die Kinder wie Wölfe um die Beute stritten.
Aber sie verbot nicht die wilden Spiele, die die beiden Kleinen mit Drew trieben.
Kratzer und Schrammen waren dabei die geringsten Blessuren, die er davontrug.
Und während die Beiden ständig wuchsen, blieb er wie er war.
Nur seine Flügel legten an Größe zu.
Die wilden Verfolgungsjagden durch die Höhle lehrten ihn in seinem neuen Körper schneller Klettern, ausweichen und kämpfen, als er für möglich gehalten hatte.
Seine blau geschuppten Geschwister waren harte Brocken und obwohl sie recht bald Worte verstanden und sogar sprachen, machte das die sechs Wochen alten Drachen noch nicht zivilisierter.
Obwohl er zugeben musste, dass sie verflucht schlau waren.
Sie hatten noch keine Namen erhalten, eben so wenig wie er seinen kannte.
Er erinnerte sich flüchtig, dass er früher Drew gerufen worden war und dabei beließ er es vorerst.
"Einen Namen erhaltet ihr, wenn Ihr ihn verdient habt!", hatte sie gesagt.
Für sie blieb er ihr Junge.
Er wagte nie ihr zu widersprechen und auch nicht sie zu stören, wenn sie ruhte. Ja, er traute sich kaum sie von sich aus anzureden.
Er sah sie niemals zärtlich, oder kuscheln, obwohl sie ihm erlaubte sie zu berühren. Und das war eine große Ehre wie er begriff. Kein freier Drache ließ sich von einem Menschen anfassen.
Seine Geschwister trauten sich ebenfalls nicht die Mutter zu belästigen, aber kuschelten sich oft aneinander, wenn sie im weichen Sand vor dem Wasser schliefen. Dies war die einzige körperliche Zuneigung die sie erfuhren.
Er selbst mied es, sie anzufassen, außer sie suchten von sich aus seine Nähe, was selten der Fall war.
Oft musterten sie ihn nur eindringlich und es schien ihnen zu genügen.
Sie waren keine Babies. Nicht hilflos wie Menschenkinder. Bereits jetzt konnten sie töten, unvorsichtige Hasen und anderes Getier existierte bald nicht mehr vor der Höhle.
Nicht einmal er selbst konnte sich der Faszination der Jagd entziehen und kletterte häufig alleine draußen herum.
Er genoss den Sommer regelrecht, den Wind, den Regen und sogar den Dreck.
Die Mutter mahnte ihn nie, ließ ihn immer gewähren und Drew wusste selbst, dass es klug war niemals all zu weit entfernt von der Höhle zu 'spielen'.
Noch fühlte er sich nicht ganz bereit dazu, sich allein allen möglichen wilden Viechern der Gegend zu stellen.
Nicht ehe er nicht vollständig verstand, was mit ihm geschehen war.
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"Erzähl von deinem Leben, sie sollen lernen!", befahl die Mutter manchmal. Und dann erzählte er.
Die jungen Drachen hörten immer aufmerksam zu, aber wunderten sich nie. Für sie schien es ebenso normal, dass Menschen wie Menschen waren, so wie sie Drachen waren und ein anderes Leben führten.
Drew erkannte nichts abfälliges in ihrem Verhalten. Sie spielten rauhe Spiele mit ihm, aber er war ihr Bruder und sie akzeptierten ihn. Für einen Menschen hielten sie ihn jedenfalls nicht.
Insgeheim war er nach drei Monaten stolz, dass er noch immer in der Lage war sich ihrer zu erwehren. Und die Beiden lernten Rasch, dass seine Klingen ebenso gefährlich waren wie ihre messerscharfen Zähne.
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Es war bereits spät im Sommer und die Tage waren bisher um Nu verflogen, als er eines Tages von Mutter aufgefordert wurde sie auf ihrem Flug zu begleiten.
Bei seinem ersten Start schlug sein Herz bis zum Hals, aber das Fliegen war ihm genauso angeboren wie seinen Geschwistern.
Zwar wirkten sie in der Luft wie junge Hunde, doch fühlte sich sein erster Ausflug an, als wäre nun endlich alles richtig.
Das seltsame Gefühl, das er erwartet hatte, wenn er in der Luft sein würde, blieb aus.
Er konnte sich nichts anderes mehr vorstellen. Fliegen gehörte zu ihm wie Laufen, Atmen und Essen. Drachen mussten das Fliegen nicht lernen, nur ihre Muskeln mussten ein wenig trainiert werden und das Wissen darum, das unauslöschlich in seinem Kopf war, musste er einige Male in der Wirklichkeit getestet haben, um es ganz zu verstehen.
Das Leben, das er einst geführt hatte, war so gründlich ausgelöscht, dass er kaum je wagte zurückzudenken.
Mutter hatte seine zwei Gefährten getötet.
Sie hatte es ihm erzählt.
Er erinnerte sich an sie. Seine Freunde.
Jacob und Philais. Sie waren keine schlechten Kämpfer gewesen.
Eigentlich sogar hervorragende.
Sie hatte beide getötet.
Es war töricht gewesen herzukommen und törichter zu glauben sie könnten sie besiegen, falls sie nicht mit sich reden lassen wollte.
Eigentlich waren sie gekommen um mit ihr zu reden, denn ihre Anwesenheit erschreckte die Dörfler und Städter unten im Tal.
Sie aber hatte nicht mit ihnen geredet, sondern sie angegriffen. Er wusste jetzt wieso - sie hatte ihre Kinder hier zur Welt bringen wollen und diesen Platz schon lange zuvor ausgesucht.
Sie hatte ihm allerdings nie erklärt, wie er in sie hineingekommen war.
Nur dass es möglich war.
"Ich habe lange einen wie dich gesucht", hatte sie gesagt.
Er wusste bis heute nicht, was sie damit meinte, nur, dass sie ihn getötet hatte, wusste er.
Nachts träumte er manchmal davon wie sie ihn zerfetzte, seine Gedärme herausriss und schließlich wie sich ihr Maul auf ihn niedersenkte und dem wütenden Schmerz ein Ende machte - und er erwachte jedes Mal schreiend.
Um ihn neu zu schaffen hatte sie ihn töten müssen.
Drachenmagie war anders als alles was er kannte.
Er selbst beherrschte kaum etwas davon. Er hatte nicht ihren Feueratem, ihre Gewalt über den Wind und die Felsen.
Nur ein rudimentäres Gespür für Magie, das ihm ebenso angeboren war wie das Fliegen.
Mit ihrer Magie hatte sie ihn zu einem ihrer Kinder gemacht.
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Andere Drachen lernte er erst im Herbst kennen, als sich ein einzelner großer, ebenfalls blauer Drache eines Tages in der Höhle befand, als er in seinem Nest erwachte.
Drew wollte sich nach draußen schleichen, aber der Fremde bemerkte es.
Eine unendlich lange Zeit verging, in der der große Drache ihn betrachtete.
Drew wusste, dass dies der Vater war.
Auch wenn er nicht wusste wie dies möglich war.
Der Blaue musterte ihn weiter und Drew bemühte sich dem durchdringenden Blick des riesigen Geschuppten standzuhalten.
"Du wirst mich begleiten!", sagte er dann. Es klang eigentlich nicht unfreundlich, nicht einmal wie ein Befehl. Eher wie eine Feststellung.
Drew nickte gehorsam.
"Wohin?" traute er sich dann doch zu fragen.
Der blaue Drache sah ihn erneut durchdringend an.
"Ich muss dir einiges zeigen. Du kannst nicht so wie du bist in der Welt herumstolpern", Drew fragte sich ob Drachen scherzen konnten.
"Darf ich eine Frage stellen?", traute er sich jetzt, denn im Grunde verstand er seine Existenz noch immer nicht.
"Nur zu!", hörte er die Antwort.
"Wieso habt ihr mich geschaffen?"
"Weil wir es konnten", kam die prompte Antwort und Drew fühlte sich klein und unbedeutend. Ob er jemals mehr aus diesen Wesen herausbekommen konnte?
Wieso wollten sie ihm nicht erklären, wozu sie ihn geschaffen hatten?
Dann erschrak er fast zu Tode, als der große Drache seinen Kopf senkte und ihn mit seiner Schnauze berührte.
"Manche von uns töten ihre Geschwister nach dem Schlüpfen. Viele von unserer Art wachsen allein auf, ohne Eltern, aber nicht alle. Lange werden auch deine Geschwister nicht mehr umsorgt, ehe sie ihrer Wege gehen. Das Wissen, das sie benötigen ist ihnen angeboren."
Die Drachenstimme klang durchaus angenehm und freundlich. Drew wagte kaum, den Riesen zu berühren, aber schließlich legte er doch eine Hand überhalb der Nüstern.
"Du wirst andere wie dich treffen, Sohn. Es ist besser so. Wie wir kannst du nicht leben", erklärte der Große.
Drew glaubte zu verstehen was er sagen wollte.
Drachen waren nicht wie Menschen, sie suchten selten körperliche Nähe, außer um sich zu wärmen, oder vielleicht, wenn sie sehr klein waren.
Sie sprachen selten, denn sie mussten sich nicht ständig mitteilen. Die Anderen schienen sowieso zu wissen, was man dachte.
Sie tauschen kaum Zärtlichkeiten, wozu auch? Sie wussten, wenn sie einander mochten.
Drew war sich sicher, dass seine Mutter ihn bis in den Tod verteidigt hätte, dass sie für ihn sorgen würde, bis er es alleine konnte, aber er hatte sie niemals auch nur ein Wort der Zuneigung sagen hören.
Und als er einmal versucht hatte ihr zu danken, hatte sie nur gefaucht, als sei es eine Beleidigung.
"Du warst ihr erster Menschling", erklärte der Drache belustigt, als hätte er Drews Gedanken genau erraten.
In der Tat hatte Drew das Gefühl, dass dieser Drache sich bemühte einen väterlichen Eindruck zu schaffen.
Dieses Mal war Drew es, der grinste.
"Wie ist dein Name?" traute er sich etwas forscher zu fragen.
"Tir'Razal", erhielt er die prompte Antwort. Irgendwie war er sich sicher, dass dies der echte Name des Drachen war, nicht der, wie man ihn vielleicht nannte.
"Verabschiede dich, falls du das willst. Wir haben heute viel vor", brummte der Koloss neben ihm und hob dann den Kopf wieder hinauf.
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Drew hatte nicht gedacht, dass es ihm so leicht fallen würde, der Höhle den Rücken zu kehren, aber er dachte kaum zurück, nachdem er mit dem großen Drachen aufgebrochen war.
Er wusste nicht, ob er seine Mutter vermissen konnte, obwohl er sie mochte.
Es war ein anderes mögen, eines das tief ging, ohne ihn an sie zu binden. Er war verwirrt über das Gefühl, aber sie hatte ihn fortgeschickt mit den Worten, dass es egal war, ob man im selben Bett schlief und die Hand des Anderen hielt, oder ob man weit entfernt weilte.
Er verstand es nicht ganz, aber der Abschied fühlte sich nicht an wie die, die er sonst erlebt hatte.
Er hätte ebenso gut ohne Abschied gehen können und niemand wäre beleidigt gewesen.
Razal hingegen schien ihn etwas besser zu verstehen.
Vielleicht weil er älter war als die Mutter. Vielleicht weil er Kontakte zu Menschen gehabt hatte.
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Die nächsten Tage blieb er bei dem großen blauen Drachen und auch wenn Razal weniger wortkarg war, war er kein bisschen fürsorglich.
Drew sollte selbst jagen, selbst sein Feuer machen und er schonte ihn auch nicht beim Fliegen.
Abends fiel Drew meistens deswegen sofort in Tiefschlaf, egal ob sie auf einem harten Felsen nächtigten oder in einem lichten Birkenhain auf weichem Moos.
Natürlich kam er zurecht. Er hatte schon als Schwertmeister gelernt, wie man Feuer machte, Fallen stellte und meistens hatte er keine Probleme einen Hasen mit der bloßen Hand zu fangen.
Oft hatte er tatsächlich solchen Hunger, dass er erst gar kein Feuer entfachte.
Die Zähne um auch ein noch blutiges Stück Fleisch zu verputzen hatte er. Und es machte ihn in keinster Weise zivilisierter, wenn er zu kochen anfing.
Das einzige Zugeständnis, das Razal machte, war, dass er ihn schlafen ließ.
Wache halten musste er nie. Und Drew war dankbar darum. Das Leben außerhalb der schützenden Höhle war um einiges härter.
Manchmal ließ Razal ihn voraus fliegen.
"Nach Westen", sagte der Drache dann nur und es blieb Drew überlassen, wohin er sie führte.
Er hatte gelernt, wie man reiste und sich orientierte, aber zudem spürte er jetzt auch wo Westen lag.
Er hätte blind fliegen können.
Razal ließ ihn selbst erspüren, wann ein Unwetter aufzog, wo der beste Wind war und mischte sich nie ein.
Drew wusste, dass ihm einige Fähigkeiten angeboren waren, aber sie zu erleben war anders, als im Prinzip zu wissen, wie es ging.
Und Razal half ihm nicht, als Drew am Morgen des sechsten Tages zwei seltsame, hässliche Kreaturen aufschreckte, die Drew sogleich als Futter deklarieren wollten.
Früher, so wusste er mit Sicherheit, hätte er eine der Kreaturen besiegt.
Jetzt wurde er mit zweien fertig, wenngleich er hinterher etwas angeschrammt wirkte.
Seit er seine Klingen wieder hatte, hatte er viel mit ihnen geübt. Für sich allein vor der Höhle, um mit den zusätzlichen Gliedmaßen zurecht zu kommen.
Drew wusste, dass er seine alte Form wieder erreichen und vielleicht sogar darüber hinaus gelangen konnte.
Er war schnell geworden.
Als die klauenbewehrten Viecher ihn angriffen, sprang er so schnell auf sie zu, dass sie in ihrer Überraschung gar nicht merkten, wie er ihnen die ersten Verletzungen beibrachte.
Leichte nur, denn die Viecher waren gut gepanzert. Wie geschuppte Wölfe.
Es gelang ihm ein Auge eines der Monstren zu erwischen und während dieses fauchend zurücksprang und sich schüttelte und wie wild gebärdete, sich dem zweiten zu erwehren, das mit weiten Klauenschlägen auf ihn einprügelte.
Er wusste, dass es ihm ganze Muskelstücke herausreißen konnte, wenn es traf.
Wieder zielte er auf die Augen und musste dabei hinnehmen, dass es ihn an der Schulter traf.
Aber als die beiden Viecher schließlich in ihrer Wut und dem Schmerz unvorsichtig wurden, hatte er die Möglichkeit Schwachstellen zu finden.
Seine Säbel fanden ihr Ziel zwischen den Plattensegmenten am Hals der Kreaturen und mit Erleichterung stellte er fest, dass er kämpfen konnte wie er es immer gekonnt hatte.
Drew spürte mehr, als dass er sah, wie Blut aufspritze, er hatte nicht die Zeit sich zu amüsieren, sondern war einfach nur beschäftigt mit Ausweichen, Ducken, Zuschlagen. So lange, bis es endete.
Razal landete unbeeindruckt neben dem ekligen Haufen, den Drew zurückgelassen hatte.
"Lästige Biester", meinte der Blaue nur.
"Wolltest du mir nicht vielleicht helfen!?", japste Drew anklagend.
"Wozu, du kamst doch gut allein klar?"
Drew war sich im Klaren darüber, dass Razal ihn ärgern wollte. Aber mit einem Drachen streiten wollte er jetzt nicht.
Razal schnaubte durchaus belustigt über sein Schmollen.
Und für einen Augenblick hatte Drew das Gefühl, dass jetzt irgendwie das Eis gebrochen war, dass trotz der Unterschiede zwischen ihnen, die Gemeinsamkeiten größer waren.
Er grinste spitzzahnig zu dem Riesen auf.
"Das merk ich mir!"
"Wurde Zeit, dass du deine Scheu verlierst! Ich werde dich nicht fressen, höchstens ein wenig, wenn du zu aufmüpfig wirst. Du solltest dir nicht alles gefallen lassen, nicht einmal von uns."
"Ich erinnere dich bei Zeiten daran!" knurrte Drew.
Aber der Drache hatte recht. Er musste nicht unterwürfig sein, immerhin war er zur Hälfte einer von ihnen.
(c) Susanne Forster & Tjörn Sinzig
Kontakt: www.boronk.de oder www.virtualwords.de
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Autor: Gastautor
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