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Drachenherz - Kapitel 2

Erste Schritte


Die nächsten Tage wurde es wieder dunkler. Zuerst verstand Drew nicht genau warum, bis er merkte, dass die Hülle, die seinen und die Körper der beiden Drachenjungen umgab, dicker und fester wurde.
Noch immer hörte er Geräusche von außen und mittlerweile konnte er diese sogar deuten.
Er unterschied sie als die Laute mehrerer unterschiedlicher Drachen.

Der ehemalige Schwerttänzer ahnte, dass er absolut nichts wusste über diese Geschöpfe.
Drachen waren nach dem was man so redete Einzelgänger, Drachen waren gefährlich, gierig, verschlagen, unglaublich mächtig, aber dass sie Familie hatten, daran hatte er niemals gedacht.

Die Stimmen der anderen Drachen verschwanden tags darauf und sehr lange ertönte das Geräusch von Wind und Flügeln.

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Die meiste Zeit schien die Mutter jetzt ohne die Gesellschaft anderer Geschuppter zu sein, auch wenn er die nächsten Tage noch immer ihre Flügelschläge hörte, genauso wie die Geräusche, wenn sie jagte und Beute machte.
Und es wurde immer enger, denn die seltsame Haut um ihn zog sich um ihn zusammen.
So lange, bis er wie ein Fötus eingezwängt da lag und sich kaum mehr rühren konnte.
Die Haut war mittlerweile fest wie Leder. Kein echtes Ei, aber beinahe. Er verstand auch wozu.

Die Drachenjungen hatten Flügel. Recht kleine zwar, aber sie mussten verpackt werden.
Genauso wie die zusätzlichen Gliedmaßen, die seinem Rücken entwuchsen.
Aus irgendeinem Grunde waren sie ihm bisher völlig natürlich vorgekommen, und er hatte keinen weiteren Gedanken daran verschwendet.

Es war angenehm, hier zu sein und längst nicht mehr bedrohlich. Doch die zunehmende Enge machte ihm zu schaffen. Er wollte sich strecken, mehr denn je Luft atmen, laufen, riechen - etwas schmecken.

Doch Drews Geduld wurde noch eine Weile auf die Probe gestellt, denn es dauerte noch einige Tage bis er spürte, dass sich etwas geändert hatte:
Zuerst war es sehr still geworden, denn die Drachin bewegte sich kaum mehr.
Er hörte nur ab und an ein angestrengt klingendes Schnauben.

Und dann verging eine ganze Weile, bis ihm vollends klar wurde, dass die Mutter dabei war nun ihre Jungen zu gebären.

Wenn ihm eines besonders in Erinnerung bleiben würde, dann dies:
Es wurde für einige Zeit noch enger und die Geräusche die der Drache von sich gab, ließen nur einen Gedanken zu:
Wie konnte er einem Geschöpf, das ihn seit Monaten nährte, hütete und umsorgte, derartiges Leid zufügen?

Und als die fürchterliche Enge schließlich endete, war er so erleichtert, dass ihm beinahe die Tränen gekommen wären.
Für einige Zeit wagte er es nicht sich zu rühren.
Bis er einen Stoß an der lederartigen Hülle spürte, und die Worte vernahm "Worauf wartest du, du darfst herauskommen!" ihre Stimme klang durchaus freundlich, wenn man das von einer Drachenstimme sagen konnte.


Und nun stand er vor dem Dilemma, dass er nicht wusste, wie er das anstellen sollte.
Die lederartige Eihülle war eng und so robust, dass Drücken und Schlagen nichts half. Zudem brauchte er eine Weile, bis er sich erinnerte, wie er koordiniert seine Gliedmaßen bewegen konnte.
Und niemand stand ihm bei.
Immerhin hatte er nicht das Gefühl zu ersticken, doch er konnte nicht hier bleiben.

Schließlich halfen der Zufall und sein Gezappel, denn sowohl an seinem hinzugewachsenen Schwanz, als auch an den Flügeln befanden sich kleine dornartige Auswüchse, die die Eihaut schließlich zerschnitten, so dass er glitschig wie er war, auf erstaunlich weichen und vor allem trockenen Boden plumpste.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er den Schrecken überwunden hatte, dass es plötzlich sehr viel heller, lauter und er sehr viel schwerer war, als in der flüssigkeitsgefüllten Schutzhülle, aus der er gerade geschlüpft war.
Zudem war er so verklebt, dass er Mühe hatte sich überhaupt zu bewegen.

Und noch mehr Mühe machte es seine Arme und Beine in der gewohnten Weise zu koordinieren.
Immerhin konnte er sich alleine zur Seite rollen und blieb dort nach Luft ringend und erleichtert auf dem nicht vom Eiinhalt durchnässten Boden liegen.
Er spürte das Kitzeln der Grashalme auf seinem Körper und wie Sonne ihn beschien.

Für einige Augenblicke war er damit beschäftigt gierig frische und erstaunlich warme Luft zu atmen, die nach Frühlingswiese und feuchter Erde duftete.

Dann hörte er ein recht klägliches Fiepsen, schrill und irgendwie frustriert klingend, unweit seines Lagers.
Wahrscheinlich seine Geschwister, die sein Schicksal teilten.

Drew hatte vielleicht etwas Vorsprung, denn obwohl er als letztes geboren worden war, wusste er zumindest theoretisch, wie man aufstand.
Von Aufstehen allerdings konnte nicht die Rede sein.

Der einstige Krieger kniff die Augen zusammen und schaffte es schließlich sich auf dem feuchten Gras hochzustemmen.
Seine Glieder protestierten mit heftigen Schmerzen, aber es gelang ihm sich hinzusetzen.
Die Flügel - auch wenn sie verknittert waren und garantiert noch nicht ihre volle Größe erreicht hatten - behinderten ihn gewaltig.
Seine vom angenehmen Dämmerlicht verwöhnten Augen tränten, doch er zwang sich trotzdem sich umzusehen.

Er befand sich vor einer enormen Höhle, im Gras einer Wiese.
Auf dieser hockte ein kurzes Stück entfernt ein blaugeschuppter, imposanter Drache. Oder eine Drachin?

Die frischgebackene Mutter überwachte die noch recht unbeholfenen Versuche ihrer Brut auf die Beine zu kommen und den Überresten ihrer alten Zuflucht zu entfliehen.
Zwei goldgelbe große Augen richteten sich auf ihn.

Er versuchte dem Blick standzuhalten und es gelang ihm erstaunlich gut.
Dieser Drache würde ihm nichts tun, soviel war sicher.
Im Gegenteil. Der Blick war durchaus freundlich, ein wenig amüsiert und auch irgendwie..

"Komm näher, lern deine Geschwister kennen, sie sollen doch wissen, wer sie die Wochen über so gut in Schach gehalten hat."
Ihr enormer, gepanzerter Schwanz kam in seine Nähe und er verstand, dass es ein Angebot war, sich daran hochzuziehen und entlang zu hangeln, denn auf den eigenen Beinen zu stehen traute er sich zur Zeit nicht zu.

Mit ihrer Hilfe jedenfalls gelang es Drew unter grässlichen Muskelschmerzen hinüberzuwanken.

Seine ebenfalls blau geschuppten Geschwister beschnüffelten ihn neugierig und leckten sogar an ihm, er wusste jedoch instinktiv, dass sie in ein paar Tagen unberechenbare Rabauken sein würden - mit scharfen Zähnen und einem ebenso scharfen Verstand.
Seine Mutter schien seinen Blick richtig zu deuten.

"Du bist der Schwächste in diesem Wurf. Das stimmt. Aber ich werde dafür sorgen, dass du nicht verhungerst. Lass dich nicht auf Kämpfe ein!"
Er nickte gehorsam und versuchte sein verschmiertes Gesicht mit der Hand abzuwischen.

Drews Knie zitterten.
Doch immerhin fiel es ihm mit jeder Minute leichter zu atmen und das grelle Licht tat weniger weh. Er würde zurecht kommen.
Stumm streckte er sich, dass es knackte.
Vor Erleichterung, sich endlich wieder bewegen zu können, hätte er beinahe leise gestöhnt.
Er hatte das Gefühl, der Drache neben ihm lächelte - obwohl es sehr schwer war, überhaupt so etwas wie Mimik bei dem anderen Wesen auszumachen.

Mittlerweile hatten seine Geschwister ebenfalls begriffen, wie man aufstand.
Und sie versuchten alles, um einige Schritte weit zu kommen.

Sie waren fast ebenso groß wie er und wogen garantiert mindestens genauso viel - zur Zeit traute er sich noch zu ihrer Herr zu werden.
Und vielleicht begriffen sie ebenfalls, dass sie - noch - unterlegen waren. Noch - weil er bereits einmal geboren worden war und in einem anderen Leben Dinge gelernt hatte, die ihnen fehlten.

Ihr Interesse an ihrem seltsamen Bruder ließ rasch nach und wurde von etwas in der Höhle geweckt.
Die Mutter ließ sie gewähren, als sie sich aufmachten diese Höhle zu untersuchen.

Schließlich erhob sich die Mutter ebenfalls und zum ersten Mal erkannte Drew, wie müde sie sein musste. Dennoch folgte sie den Jungen und warf ihm einen auffordernden Blick zu.

"Drinnen gibt es Wasser. Dort kannst du dich säubern."
Er tat sein Bestes, ihr zu folgen, stolperte jedoch mehr, als dass er ging. Sein Schwanz schliff auf dem Boden und zweimal drohte er zu stürzen, aber irgendwie gelang es ihm die Höhle zu erreichen und sich an den felsigen, weiß-grauen Wänden entlang zu tasten.

Der Boden der Höhle war aus weichem Sand und auch peinlich sauber. Sie hatte sicher dafür gesorgt, dass es hier weder vor Unrat wimmelte, noch "nach Drache" roch.
Natürlich roch es nach Drache, aber weniger streng, als er gedacht hatte.

Die Höhle überraschte ihn.
Sie war recht hoch und Teile der Decke schienen aus Kristall zu bestehen. Er ahnte, dass dieser Kristall dort magisch entstanden war.
Jedenfalls kam so Licht in das mit weißem Sand bedeckte "Bauwerk". Er wusste nicht genau wieso, aber seine Nase sagte ihm, dass im Innern der Höhle etwas war - und irgendwie weckte das den Wunsch in ihm, die Höhle weiter zu erforschen, bis er das leise plätzschern hörte - und schließlich vor einem unterirdischen See stand. Er schimmerte blau, als würde er von unten beleuchtet. Drew war sich sicher, dass dort ebenfalls Magie im Spiel war und er konnte sie sogar auf seiner Haut prickeln fühlen.

Drew war beeindruckt, so wie er von seiner großen, blauschuppigen Mutter beeindruckt war, deren hörnerbewehrter Kopf sich zu ihm unwandte.
Wieder hatte er das Gefühl, dass sie ihn anlächelte.
"Wir sind keine Tiere", fügte sie hinzu. Das wusste er.

Ohne ein weiteres Wort tappte er auf dem feinen, hellen Sand Richtung Wasser und stellte fest, dass es zwar kalt, aber nicht eisig war.
Erleichtert ließ er sich mit einem Seufzer in Ufernähe nieder und wusch sich langsam.
Seine Hände waren fast wie früher. Zwar wirkten sie jetzt ein wenig wie Klauen, seine Fingerkuppen waren vorne Spitz und hart, aber das Gefühl in ihnen hatte er nicht verloren.
Sein Schuppenpanzer bedeckte nur Teile seines Körpers, der insgesamt immer noch erstaunlich humanoid wirkte, und auch noch von seiner eigenen, menschlichen Haut bedeckt wurde, wo der Schuppenpanzer ihm nicht als Rüstung diente.
Wie er seine Flügel bewegen konnte, begriff er recht schnell, denn sie funktionierten beinahe wie Arme, während der gepanzerte und segementierte Schwanz ihm eher wie ein Anhängsel vorkam, das seinen eigenen Willen hatte.

Der Versuch seine "Haare" zu waschen, stellte sich leichter heraus, als gedacht, denn statt Haaren wuchsen dort fingerdicke Auswüchse hervor, die Haaren ähnlich herab auf seine Schultern hingen.
Besonders seine Beine und Füße hatten sich verändert. Er trat nicht mehr auf wie früher, doch schien er damit besser zurecht zu kommen, als gedacht. Seine Zehen waren scharfe Klauen geworden und er trat nur noch mit dem vorderen Fußballen auf. Dadurch wirkten seine Beine etwas länger. Und er hatte mehr Sprungkraft in ihnen, was er trotz seines geschwächten Zustandes bereits spürte.

Seine Geschwister hatten indes etwas anderes zu tun, als sich zu baden.

Sie fraßen.
Auf einem Felsen ein Stück weit weg, am "Ufer" des Sees, lag etwas Totes, das er für ein Reh hielt. Auf jeden Fall roch er das noch frische Blut bis hier herüber.
Seine Geschwister waren eifrig dabei, es zu zerfetzen. Und sich um die besten Stücke zu streiten.

Die Mutter ließ sie gewähren und gesellte sich zu ihm.
Für eine ganze Weile betrachtete sie ihn, während er zitternd am Ufer stand und sich fragte, ob sie Gefallen an dem fand, was sie sah.

"Möchtest du ebenfalls etwas essen?", fragte sie dann zu seiner Erleichterung. Er nickte matt und sein Magen knurrte zustimmend - und für einen Moment glaubte er, ein belustiges Funkeln in ihren Augen entdecken zu können.

"Komm", meinte sie nur und er folgte ihr ein weiteres Mal ohne zu fragen, doch mit etwas sichereren Schritten.
Und schließlich erreichten sie den Teil der Höhle der weiter hinten lag. Hier war die Decke niedriger, so dass seine Mutter sich nicht mehr strecken konnte.
Er erkannte trotz des Halbdunkels, das hier hinten herrschte Nischen im Fels.

Eine sah aus wie ein großes Nest, sogar Decken lagen darin.
In einer kleineren Nische befanden sich Gegenstände. Ein Krug, eine Axt, und zwei Schwerter, die er...


Für einen Moment sah er, wie diese zwei Schwerter in der Flanke des blauen Drachens steckten.

Drew hörte ihr wütendes Brüllen, hörte das Zischen des herannahenden Schwanzes und warf sich zur Seite, entging der tödlichen Waffe um haaresbreite. Nach einer geschickten Drehung versuchte er seine Schwerter aus dem Rumpf der Kreatur zu...



"Das ist Vergangenheit", hörte Drew ihre besänftigenden Worte.
Die scharfen, stahlblauen Klingen dort gehörten ihm.
Sein ganzes Hab und Gut lag dort:
Sein Rucksack, seine verbeulte und zerschlissene Rüstung, die offenbar gesäubert worden war.
Sogar die Feldflasche war da. Und der Beutel mit dem Geld.

Verwirrt starrte der ehemalige Krieger darauf. In der Nische daneben lagen einige Hosen verschiedenster Längen aus Leder.
"Ich dachte du könntest sie tragen, sofern es dir gelingt deinen Schwanz unterzubringen", sagte sie.
Eine Nische weiter lag etwas, das ihn viel mehr interessierte.
Auf einem hölzernen Brett lag ein totes Tier, gebraten und mittlerweile erkaltet. "Du musst nicht so essen, wenn du es blutig bevor...", doch er wartete gar nicht ab, sondern schnappte sich ein großes Stück und begann gierig abzubeißen.

Ein Geräusch erklang, dass man wohl mit viel Phantasie für das Lachen eines Drachen halten konnte.
"Vorsichtig. Dein Magen hat lange geruht", warnte sie.
Tatsächlich spürte er recht schnell, dass er zwar noch lange nicht satt war, aber durchaus aufhören sollte. Einige recht schmackhaft aussehende Früchte lagen ebenfalls noch hier und von dem Braten würde er noch einige Tage satt werden können.

Sie hatte sicher recht. Also ließ er erst einmal von seiner Schlingerei ab und wandte sich wieder der Mutter zu.

Drews Erinnerung daran, wie er hergekommen war, war noch nicht wieder zurückgekehrt, aber die Bruchstücke, die ihm im Kopf herumspukten, waren unerfreulich.
Er hatte sie verletzt.

"Denk jetzt nicht darüber nach. Ich werde dir alles zu gegebener Zeit erklären. Du solltest dich ausruhen. Du bist hier sicher."
Erneut nickte er gehorsam. Die Nische mit den vielen Decken sah einladend aus und als er nach einigen Minuten eine Position gefunden hatte, in der weder Schwanz noch Flügel ihn beim schlafen störten, versank er fast augenblicklich in tiefem Schlaf.


(c) Susanne Forster & Tjörn Sinzig
Kontakt: www.boronk.de oder www.virtualwords.de



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Autor: Gastautor

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Der eigentliche Autor wird gewöhnlich unter dem Text genannt. Außer es handelt sich um einen anonymen Artikel.
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