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Drachenherz - Kapitel 7
Die Kette
Drew war entsetzt.
Die Magie, die der Magier anwandte war alt und mächtig. Es gab nicht Viele, die etwas neu benennen konnten.
Drachen konnten es. Große Magier konnten es und dass es in Dwantir einen solchen gab, bewies nur die Wichtigkeit der Stadt UND dieser Frau, die ihn sich leisten konnte.
Drew hatte nicht gewagt die Augen zu öffnen. Die Magie hatte selbst ihn beeinflusst. Für ihn war dieser Andere jetzt "Eli". Und das Schlimmste würde sein: auch für Eli war sein früherer Name vergessen. Vielleicht wusste er, dass er einst anders geheißen hatte, aber er würde es vergessen, so wie seinen wahren Namen.
Drew bemühte sich im Geiste den fremd klingenden früheren Namen des Steppenkriegers immer und immer wieder zu wiederholen. Sein Bein schmerzte und er war müde, aber er war es dem Krieger schuldig.
Er durfte ihn nicht vergessen. Er war der Einzige, der ihn ihm zurückgeben konnte.
Drew war sich noch gar nicht sicher, ob er wirklich alles behalten hatte, als der Magier und die Frau sich ihm näherten und den völlig erschöpften Steppenkrieger liegen ließen, damit er sich ausruhen konnte.
Drew hatte nicht bemerkt, dass noch jemand das Zelt betreten hatte.
"Dies ist eine magische Kreatur und ich bin mir nicht sicher, ob der selbe Zauber an ihm ebenso haften würde, wie an einem Menschen. Daher habe ich Drulin beauftragt das hier anzufertigen!" Der Magier nahm einem kleinen Mann, den Drew blinzelnd ansah und für einen sehr glatzköpfigen, haarlosen und braunen Zwergen hielt, ein klimperndes silbernes Ding ab.
Rasselnd fiel eine Kette zu Boden, die an einem Halsring befestigt war. Drew konnte sich noch immer nicht richtig bewegen, doch besser als vorhin. Auch der Magier schien dies bemerkt zu haben, denn er ließ ihm gar keine Zeit sich zu wehren oder gar weiter in die Höhe zu kommen. Noch ehe Drew es gelang seinen Körper wieder unter Kontrolle zu bekommen und sich ganz zum Sitzen aufzurichten, war der Magier vorgesprungen und hatte eine glänzende Manschette aus Eisen um Drews Hals gelegt. Es klickte in seinem Nacken, als Drew in die Hocke gekommen war. Der Halsring war mit der Kette verbunden, die nun hinter ihm lag. Drew wollte noch immer angreifen, sich irgendwie wehren, aber es gelang ihm nicht aufzustehen.
Fassungslos starrte er den Magier aus der Hocke heraus lauernd an.
"Das war knapp. Er hatte sich fast aus dem Lähmungszauber befreit!" Der Magier lächelte entschuldigend die Lady an.
Diese erwiderte das Lächeln versöhnlich und nahm die lange schmale Gliederkette an sich.
Eine normale Kette dieser Stärke hätte Drew zerrissen, ebenso wie das etwa zwei fingerbreite Halsband sicher nicht sehr lange seine Wut überstanden hätte. Jedoch waren innen, wo es am Hals anlag, kleine, angespitzte Vorsprünge. Drew spürte, wie sie sich beim kleinsten Zug in die Haut bohrten. Wenn er zu heftig zog, würde es sicher äußerst unangenehm werden und gerade am Hals waren kaum kräftige Schuppen.
Und schon jetzt hatte er das Gefühl kaum noch Luft zu bekommen.
Und obwohl er sich wehren wollte, fühlte er sich hilflos. Er konnte nicht.
"Bei magischen Kreaturen ist es effektiver, sie durch einen weiteren magischen Gegenstand zu binden", erklärte der Elf jovial.
Drew hasste ihn leidenschaftlich und durchbohrte ihn mit Blicken, wenn schon mit nichts Anderem. Der Elf lächelte nur.
Ein Zug an der Kette zwang Drew jedoch der Lady den Kopf zuzuwenden.
"Und wirst du mir deinen Namen verraten?!", fragte sie. Drew unterdrückte seine Wut so gut es ging. Am liebsten hätte er sie angefaucht, angebrüllt, nein, in der Luft zerrissen, doch sie schien sich nicht im Geringsten zu fürchten. Ihr Vertrauen in den Elfen war groß.
"Er hat keinen Namen!", mischte sich der Magier ein. Vielleicht konnte er es irgendwie sehen oder spüren, dass Drew sich noch keinen Namen verdient hatte, wie es bei den Drachen üblich war.
"Kann es denn überhaupt sprechen?", die Lady klang etwas enttäuscht.
So schnell wurde man also vom "er" zum "es" degradiert.
"Nun das weiß ich nicht Mylady. Ich habe von so etwas wie ihm bisher nur Gerüchte gehört. Aber seit auf der Hut. Drachenblut fließt in ihm." Die Lady fand diese Eröffnung geradezu vorzüglich.
Ihre neusten Erwerbungen würden das Stadtgespräch Nummer eins sein.
Der Magier zog sich alsbald zurück. Drew ahnte, dass er müde sein musste.
Seine Heilung, Die Magie in der Kette und der Zauber, der auf Eli lag waren mächtige Sprüche gewesen.
Und auch die Lady zog sich zurück, allerdings nur um ihre Diener zu holen, die das Zelt in ein Badehaus verwandelten. Schließlich konnte sie keine "vor Dreck starrenden Kreaturen" nach Hause bringen.
Eli wurde auf ihren Befehl hin gewaschen, neu eingekleidet und gekämmt, ob er wollte oder nicht. Zwei Dienerinnen verbanden einige seiner Wunden und "machten aus ihm einen zivilisierten Mann". Allerdings "nicht zu zivilisiert" denn die Lady wollte ja, dass man sofort sah, woher er stammte.
So erhielt Eli feine wildlederne Hosen und Stiefel und ein ärmelloses, braunes Hemd, das grob gewebt wirkte, aber dennoch mit einigen Ornamenten bestickt war und damit bewies, wie teuer es eigentlich gewesen war.
Und er erhielt seine Waffen auf Hochglanz poliert zurück. Doch musste er schnell feststellen, dass ihn in Gegenwart seiner Herrin und ihrer Diener irgendetwas hinderte sie zu ziehen - außer wohl um sie zu beschützen.
"Nur damit du als mein neuer Leibwächter deine Pflichten nicht vergisst!", versicherte die Lady dem verdutzten Krieger, der mit jedem Wort wütender aussah.
"Na wer wird denn seine Manieren vergessen.." lächelte sie. Es klang nicht einmal absichtlich höhnisch, obwohl sie es so meinte. "... Ach ich vergaß, du hast ja noch keine. Aber das wird sich ändern. Du wirst sehen, du wirst bei mir mehr Komfort haben, als du es dir je erträumt hast und auch deine kriegerische Seite wird nicht zu kurz kommen", versprach sie zuvorkommend - ob Eli sie gänzlich verstand, wusste Drew nicht, aber Elis Gesicht nach zu urteilen hinderte ihn nur der Zauber daran die Frau auf der Stelle zu töten.
"Leibwächter?", brachte er schließlich hervor.
"Du bist mein Leibwächter! Genau!", Eli musste so ein fragendes Gesicht machen, dass die Lady es ihm erklärte.
"Du beschützt mich. Vor allem und jedem das mich angreift!"
Eli lächelte plötzlich, Drew sah es ganz deutlich.
"Was ist so lustig?", fragte sie etwas pikiert.
"Du brauche Aufpasser wie kleine Mädchen? !schra!", lachte Eli sie einfach aus.
Es klatschte, und Eli hatte eine saftige Ohrfeige kassiert. Eigentlich hätte er die nächste abgewehrt und seinerseits zurückgeschlagen, hätte es sich dabei nicht um seine neue Herrin gehandelt. So kassierte er zwei weitere, wie Drew fand richtig heftige Schläge, die den stolzen Mann mehr demütigten, als sich dieses dumme Weib bewusst war. Dann erst war Eli zwei Schritte zurück gewichen. Er konnte unmöglich gestatten, dass eine Frau ihn schlug.
Daraufhin verließ die Lady schnaubend und mit hoch erhobenem Kopf un den Worten "bestraft ihn" das Zelt.
Drew wurde nicht ganz so "zuvorkommend" behandelt. Zwei Wachmänner waren nötig den müden und vom Lähmungszauber noch immer langsamen "Drachenmann" in den Badezuber vor dem Zelt zu stecken und zu schrubben, während die Lady, die sich wieder beruhigt zu haben schien, die Kette hielt.
Drew wehrte sich nach Kräften, aber letztendlich musste er aufgeben und Schmutz und altes Tiegerblut, als auch ein wenig seines eigenen wurden weggewaschen.
Die Wachmänner allerdings waren übel zugerichtet.
Da er keine Menschenkleidung tragen konnte und das ihrer Meinung nach auch nicht sollte, musste er nur knie-kurze Hosen anziehen. Aus feinem, leuchtend blauen Stoff der leise raschelte.
Und als wäre er nicht schon schön genug, legte sie höchstpersönlich einen goldenen Reif um seinen Oberarm an, in dem gut sichtbar ihre Hausinsignien angebracht waren.
Ein goldenes Armband für ein Haustier. Viel dekadenter konnte man nicht sein, fand er.
Während ihm nun etwas zu essen vorgesetzt wurde, führten zwei Wachleute Eli davon.
"Wer die Herrin beleidigt, wird bestraft!", meinte einer. Und da Eli mit zwei Wachen im Rücken kaum eine Wahl hatte, musste er ihnen folgen.
Kurze Zeit später hörte man von irgendwo aus dem Lager zehn aufeinander folgende, laut schnalzende Geräusche.
Die einer Peitsche, wie Drew erkannte. Die Tatsache, dass er sonst nichts weiter hörte bewies nur, dass es Eli gewesen war, der sie erhalten hatte.
Der Mann hätte sich eher die Zunge abgebissen, als auch nur noch ein einziges Mal Schwäche zu zeigen.
Zum wiederholten Mal kämpfte Drew seine Angst nieder und den Drang aufspringen und fortrennen zu wollen. Natürlich hätte er es auch nicht gekonnt, denn die Kette war mit einem äußerst stabil aussehenden Schloss an einem Baum befestigt.
Als er später Eli vorbeikommen sah, war dieser wieder ordentlich gekleidet und ging nur ein wenig steif.
Der Krieger verzog ansonsten keine Miene und die anderen Diener und Wächter redeten bald über ihn.
Niemand ertrug zehn Peitschenhiebe ohne einen Laut.
Den Rest des Tages ließ man sie in Ruhe. Und das war auch gut so, denn obwohl der Steppenkrieger, der nun seit einigen Stunden Eli hieß - wie seltsam vertraut sich der Name jetzt schon anfühlte - es niemals zugeben würde: Er fühlte sich, als hätte er seit drei Tagen nicht geschlafen. Und das würde er nachholen. Es gab schließlich nichts, was er jetzt schon tun konnte. Irgendwo war garantiert jemand, der darauf aufpasste, dass er nicht einfach verschwand. Und in seinem Zustand würde er nicht weit kommen, da war sich der Steppenkrieger sicher.
"In dem Ding steckt der Teufel!", rief der bullige Mann entrüstet und deutete dabei auf das friedlich grasende Pferd, dass sich die jungen, vom Tau bedeckten Grashalme schmecken ließ. "Ihr habt ja keine Ahnung, was wir alles versucht haben! Aber es lässt sich von niemandem anfassen!"
"Und wieso ist es dann hier? Wenn ihr es bis hierher bringen konntet, hättet ihr es doch auch ins Gatter bringen können, zu den anderen, oder?", fragte die junge Frau mit zusammengekniffenen Augen. Wenn sie eines nicht ausstehen konnte, dann wenn etwas nicht so geschah, wie sie das gerne haben wollte. Das so wusste Eli inzwischen so sicher, wie die Tatsache dass sie immens reich war.
Selbst nach nur wenigen Stunden, die er als ihr "Leibwächter" - was immer das sein mochte - verbracht hatte.
"Aber Mylady, ihr...", seufzte der Mann, "wir haben es nicht gefangen. Wir haben es so lange gejagt, bis wir es verloren, und aufgegeben haben. Wir sind umgekehrt... und irgendwann haben wir bemerkt, dass es uns gefolgt ist".
"Und warum habt ihr es nicht dann eingefangen? So schwer kann das doch nicht sein!", entrüstete sich die Lady wenig Damenhaft und machte gar nicht erst den Versuch, ihre Wut und ihre Verärgerung zu verbergen.
"Aber das haben wir! Raoul hat keine Zähne mehr und... und Paco hat es das Genick gebrochen. Ich sag doch, dieses Ding ist ein Monster! Ich... ich hab dann nur noch Raoul auf sein Pferd gebunden, und bin hierher zurück geritten, und... He, warum grinst du so? Mylady, warum lasst ihr euch von diesem... diesem Wilden so auf der Nase herumtanzen!"
Eli lächelte jedoch weiter. Ja, das war sein treues Pferd - keine Frage. Und es hatte sich auf seine ganz eigene Weise gerächt. Lady Raija war nicht die Einzige, die ihre wahren Gefühle nicht verbarg. Und sie würde es niemals sein. Egal, welche Strafen er dafür würde erleiden müssen.
Der Körper des Steppenkriegers hatte sich schon angespannt, in Erwartung der nächsten Ohrfeige. Doch stattdessen lächelte die junge Frau ihn nur an. "Sollte ich ihn etwa dafür bestrafen? Meint ihr das?", fragte sie den Krieger, und fuhr fort, ohne auf eine Antwort zu warten, "dafür gibt es keinen Grund. Über so viel Inkompetenz kann man nur lachen!"
Und während die Umstehenden ihre Herrin noch geschockt anstarrten, trat Eli hinter der zierlichen Gestalt hervor, und näherte sich langsam dem stolzen, lackschwarzen Tier. Es erfüllte ihn immer noch mit Ehrfurcht, von diesem erwählt worden zu sein... er würde es nicht noch einmal so einfach verraten. Und wenn es sein Leben kostete! Langsam streckte er die Hand aus, hielt sie einen Moment vor die zitternden Nüstern, bevor er das Pferd zwischen den Augen streichelte.
"Hm! Wie es scheint, brauchen wir für meinen Leibwächter kein Pferd aussuchen... auch gut. Das erspart uns die Arbeit, jemanden zu suchen, der in der Lage ist es zu bändigen. Obwohl ich bezweifle, dass es wirklich so schlimm ist. Es scheint ja ganz brav zu sein. Wahrscheinlich habt ihr es nur erschreckt! Dummköpfe!", spottete sie.
Eli hatte einen ersten Sieg davongetragen.
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Nachdem man sie eine Weile hatte ausruhen lassen, war die Gesellschaft Tags darauf zurück nach Dwantir aufgebrochen.
Mehrere Jäger, ein Waldläufer, Wachleute und Bedienstete hatten die Lady auf ihren Jagdausflug begleitet, dem voraus die acht eigentlichen Jäger geritten waren um die Beute aufzuspüren.
Die Lady pflegte offenbar selbst mitzureisen, wobei Drew einige Gespräche aufschnappte, dass dieser Ausflug ihr Erster gewesen war und ihr Vater sicher wütend sein würde. Doch die Lady selbst bewegte sich so sicher im Sattel, als wäre sie immer schon mitgekommen um neue Haustiere zu fangen.
Nach dem, was Drews feine Ohren vernahmen, wenn die Bediensteten redeten, sammelte die Frau kuriose Tiere und Monstren.
Ein Hobby, das viele reiche Gören aus der Stadt wohl teilten und das die Diener und Dienerinnen selten so anregend fanden wie ihre Herrin.
Trotzdem wurde er ständig neugierig beglotzt. Allerdings hatte er das Privileg angebunden und geführt von zwei Gardisten hinter dem Zug zu laufen und an den Lagern, die sie Abends aufschlugen, am Rand festgebunden auf einem Stein zu sitzen und in Ruhe gelassen zu werden. Die Wenigsten trauten sich nahe heran, weil er Jeden, der auch nur in seine Nähe kam und der nicht gerade die Kette hielt, sofort angriff.
Eli hingegen sah sich gezwungen ständig neben seiner neuen Herrin zu sein.
Er hatte sein Pferd zurück erhalten, das sich weigerte jemand anderen zu tragen als ihn. Mit ihm musste er neben oder hinter Lady Margiali her reiten und Abends ihren Begleiter spielen.
Drew bemitleidete ihn fast.
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Es war für die Städter wohl ein langer Ritt gewesen, und das sah man den meisten Reisenden auch an. Weicheier! Die Strecke, die sie zurückgelegt hatten, war lächerlich! Und Einige beschwerten sich sogar, sie könnten nicht mehr sitzen!
Auf der anderen Seite - alle waren nun abgelenkt, das ganze Lager damit beschäftigt stöhnend die Zelte aufzubauen, während diese Göre durch die Reihen spazierte und wahllos Strafen verteilte.
Nach ein paar Minuten war er einfach gegangen - niemand hatte ihn aufgehalten, oder nur davon Notiz genommen. Die waren sich ja unglaublich sicher, dass er nicht floh... kcha-brak! Aber sie hatten recht, zumindest im Moment wollte er nicht fliehen. Es war noch zu früh. Er war sich noch nicht vollkommen sicher, dass nicht irgendeine ausgeklügelte Falle auf ihn wartete.
Außerdem... er konnte nicht einfach fliehen. Er hatte Verantwortung.
Er ließ die im Entstehen befindliche Zeltstadt hinter sich, ohne dass ihn jemand aufhielt und setzte sich auf einen umgestürzten Baum auf dem der Geflügelte kauerte und sich nicht einmal bewegt hatte.
"Leibwächter... Was... ist das?", fragte er nach einigen Sekunden, in denen er seinen unverhofften Verbündeten gemustert hatte.
"Ein Leibwächter ist jemand, der mit seinem Leib den eines Anderen beschützt." gab Drew zurück. Er klang nicht besonders glücklich.
"Ich beschützen... !schra?"
"Ja." gab Drew leise zurück.
Eli ballte seine Hand zur Faust, und hieb auf den Baumstamm ein. Er sagte nichts, schien ganz in sich selbst versunken.
Erst nach einigen Minuten rührte er sich wieder.
"Was tun?", fragte er. Zuzugeben, dass er nicht weiter wusste, schien ihm stark zuzusetzen.
"Das ist ein sehr starker Zauber, den sie gemacht haben. Um dich zu befreien, muss die Lady tot sein!" erklärte Drew geduldig und mit sehr leiser Stimme. Niemand sollte mitbekommen, dass er sprechen konnte.
"Dann... ich sie töten!", antwortete der Krieger entschlossen.
"Das kannst du nicht!", Drew rollte mit den Augen.
Der Steppenkrieger zog daraufhin sein, immer noch blank poliertes, Messer. "Niemand ... aufhalten!"
"Der Zauber verhindert, dass du ihr etwas tust!", erinnerte ihn Drew.
Der Steppenkrieger wurde wieder nachdenklicher. Er wusste es - schließlich hatte er schon versucht, diese kleine Göre zu erdolchen. Er war kläglich gescheitert. Irgendetwas hatte ihn immer am zustechen gehindert. Er antwortete nichts, hing einfach seinen Gedanken nach.
"Mich hindert diese Kette daran etwas zu unternehmen". Drew zog an der Kette, die an dem Reif an seinem Hals befestigt war.
"Aber wenn du erst mal ihr Leibwächter bist und du stellst dich gut an... kannst du vielleicht den Schlüssel für dieses Schloss ergattern!", Drew tippte an das winzige Schloss in seinem Nacken.
"Und dann werde ich sie für dich umbringen!", lächelte er spitzzahnig.
"Das... nicht funktionieren. Ich dann... muss töten dich", wandte der Krieger nach kurzem Nachdenken ein.
"Ja, dann müssen wir eben dafür sorgen, dass du dann nicht zusiehst!" Drew lächelte immer noch mordlüstern.
Sie hatte ihn an eine Kette gelegt. Das war mehr als er ertragen konnte.
"Und... dann?", fragte der Steppenkrieger verwirrt. Er verstand das alles immer noch nicht ganz. Dass diese Göre sterben musste, war klar. Und er war auch gerne bereit, seinem plötzlichen Gefährten seine Rache zu lassen - diesen hatte es ja tatsächlich schlimmer getroffen als er selbst.
Aber was änderte es, wenn sie tot war?
"Und dann fliehen wir, wenn sie tot ist!" Aus dem Mund des Geflügelten klang das so selbstverständlich.
So konnte er wohl nicht leben. Das war auch Eli vollkommen klar.
Plötzlich streckte der Drachenmann seine Klauenhand aus und bot sie ihm an.
"Ich habe dir noch nicht danken können!"
Eli zuckte nur die Achseln und brauchte einige Zeit, bis er die richtigen Worte gefunden hatte: "Ihr sagt... ich seien Wilder. Aber ich haben Ehre!"
Und damit schien für Eli dieses Thema beendet - etwas anderes schien ihn jedoch noch zu belasten. "Wenn... !schra tot - wir müssen kämpfen, richtig?"
"Nein. Der Zauber ist gebrochen, wenn sie tot ist. Der Magier hat eure beiden Namen verwoben... nicht so wichtig. Jedenfalls bist du frei, wenn sie tot ist. Du darfst nur nicht anwesend sein, wenn ich versuche sie umzubringen. Verstehst du?"
Drew hatte seine Hand wieder zurückgezogen. Vielleicht dankten sich die Leute da wo Eli herkam nicht für eine Lebensrettung.
Eli nickte. "Das ist... etwas anderes". Er war wieder für einige Momente still - so viel zu reden war immer noch ungewohnt für ihn. "Dann du... Schuld zurückbezahlen!"
"Nein. Dann ist sie das auch nicht. Denn davor musst du mich von dieser Kette befreien." Drew lächelte.
Eli blickte seinen Gesprächspartner erstaunt an. Dieser war... anders, als alle, die er bisher getroffen hatte. Und er verstand, was Ehre bedeutete!
"Und ich muss suchen Schlüssel?", fragte er dann leise und sich umsehend, doch bisher war niemand aus dem Lager hergekommen und sie waren weiter ungestört. Man konnte Drews Platz auch nicht besonders gut einsehen. Die Zelte waren im Weg.
Sobald einer der Wachleute aufkreuzte oder herübersah schwiegen Beide, damit man sie auf keinen Fall zusammen entdeckte.
Die zunehmende Dunkelheit tat ihr Übriges.
"Ja. Diese Kette ist magisch. Ich kann sie nicht zerstören. Und solange ich sie trage, geht es mir wie dir. Ich kann niemandem schaden! Außer die Lady will es so." Das Wort Lady spuckte Drew geradezu aus.
Eli verstand es. Er wusste, wie Drew sich fühlen musste.
Drew hingegen jammerte nicht weiter. In Moment war alles nur halb so schlimm. Er zweifelte nicht daran, dass er sich befreien würde können. Das würde ihm früher oder später auch allein gelingen. Er musste nur beobachten und lernen und dann würde er dieses Miststück töten.
In Moment bekam er zu essen, niemand schlug ihn und die einzige Schmach die er ertragen musste war diese Kette.
Drew war noch immer genug Mensch um sich vorstellen zu können, wie die Menschen, Elfen und Zwerge um ihn herum ihn sahen.
Und er wusste: wäre er an ihrer Stelle, so hätte er etwas wie ihn ebenfalls an die Kette gelegt - oder weit fort vom Lager sehen wollen.
Für ihn war die Situation im Moment erträglich. Eli hingegen litt.
Vielleicht lag es daran, dass Drew zur Hälfte Drache war und ein wenig deren Gelassenheit geerbt hatte, Eli jedoch hatte diese nicht.
"Wir dürfen nicht unüberlegt handeln. Dann trennen sie uns nicht." raunte Drew, der Eli davor bewahren wollte etwas dummes zu tun.
"Ich können machen es wie mit meine Pferd!" schlug Eli vor. Drew sah in fragend an.
"Nur ich es kann zähmen!" lächelte Eli. "Anderen breche es Nase und Kopf. Nie es zulassen fremde Reiter!"
"Das klingt nach einem Plan." Drew grinste und im Dunkeln blitzten seine Zähne.
Bisher hatten sie es immer nur zu zweit gewagt sich ihm zu nähern. Und einer hatte immer mit einer langen Pike auf ihn gezielt. Selbst zum Essen bringen.
Einfach weil Drew sich jedes Mal, wenn ihm jemand zu nahe kam als erstes versuchte ihn sich zu schnappen. Er würde auch so schnell nicht zulassen, dass ihn jemand anfasste oder gar wieder in seine Nähe kam.
Am Morgen war stets die Herrin gekommen und hat ihn persönlich abgeholt, und die Kette einem kräftigen, unerschrockenen Wächter gegeben.
Dieser alte Haudegen mit den unzähligen Narben und dem ergrauten Haar, behandelte ihn stets mit voller Aufmerksamkeit.
Drew hatte in dessen Augen gesehen, dass er sich dachte, dass er keine Furcht zeigen durfte. Und keine Schwäche.
Der alte Krieger traute ihm kein bisschen. Drew wusste, dass dieser Alte sein künftiges Spiegelbild sein könnte, wäre er nicht verwandelt worden.
Dieser grauhaarige Kämpe war gut, er genoss den Respekt aller mitreisenden Wachen und Jäger.
Seine Muskeln waren noch immer stramm, die Augen klar und flink und kein Gramm Fett auf seinen Rippen. Drew zweifelte nicht, dass der alte Krieger viel gesehen hatte.
Wenn er ihn angriff - wenn Eli in der Nähe war und Eli diesen "retten" musste, würde Elis Idee vielleicht funktionieren.
Oder sie sperrten ihn in ein finsteres Loch und warfen den Schlüssel weg.
Vielleicht ergab sich eine gute Gelegenheit. Dann würde er sie ergreifen.
Drew sah wieder auf und zu Eli.
"Ich werde sehen, ob wir deinen Plan ausführen können, halte dich immer bereit."
Der Steppenkrieger nickte auf Drews Worte hin.
"Haben sie.. deinen Namen auch fortgenommen?", fragte er dann plötzlich.
"Ich habe keinen Namen." gab Drew zu.
"Keinen?"
"Wir müssen uns unsere Namen verdienen", erklärte Drew und sagte damit auch indirekt, dass er noch jung und unerfahren war. "Aber du kannst mich Drew nennen!"
"Dru?" Der Drachenmann nickte.
Doch Eli kam nicht mehr dazu, genauer nachzufragen. Aufgeregte Bewegungen ein gutes Stück entfernt von ihnen, ebenfalls abseits des Lagers, zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. Dort waren die Pferdekoppeln! Und wenn dort Leute herum rannten, sogar durcheinander schrien, dann konnte das nur...
Lautes Wiehern durchbrach die Dunkelheit und der Angekettete drehte sich zu seinem neuen Verbündeten herum, um nachzufragen, was das zu bedeuten hatte - doch dieser war nicht mehr an seinem Platz. Sein Messer immer noch in der Hand, rannte er bereits auf den Tumult zu, als sei ein ganzes Rudel Winterwölfe hinter ihm her.
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Das würden sie ihm büßen! Es war ihm egal, was sie ihm antaten, aber das würde er ihnen nicht verzeihen, und wenn es sein Leben kostete. ~/Niemand/~ beging solch einen Frevel an einem Steppenkrieger, und lebte lange genug, um es irgendwem zu erzählen! Nicht einmal, sich an dieser Untat zu weiden - welche Untiere waren diese Leute bloß?
Wieder einmal verfluchte Drew seine Situation. Wäre dieses grässliche Halsband nicht, müsste er nicht einfach hier bleiben und warten. Durch die einbrechende Nacht konnte er noch nicht einmal mehr vernünftig sehen, was vor sich ging.
Durch die Dunkelheit konnte Eli nicht schon von weitem erkennen, was vor sich ging - aber das gleiche galt für diese Bastarde! Da - da waren sie! Ohne abzubremsen sprang Eli mitten in die Gruppe, auf den Rücken des erstaunten jungen Mannes, der gerade versuchte, einem wild buckelnden und um sich schlagenden und beißenden Pferd ein Seil um den Hals zu legen. Die beiden Menschen stürzten zu Boden - doch der Kampf war schon längst entschieden und nur einer von beiden rappelte sich wieder auf, starrte die umstehenden Männer für einen Moment mit geballten Fäusten an - und sie wichen zurück, ohne einen Ton zu sagen. Das Pferd jedoch hatte die erste Unaufmerksamkeit genutzt und war in die Dunkelheit verschwunden.
"Hey! Was geht hier vor!", durchschnitt plötzlich eine glockenhelle Stimme die Nacht.
"Äh.. wir... wir haben versucht, das Pferd zu zähmen... Aber in dem Ding steckt wirklich der Teufel! Wir sind nicht mal in die Nähe gekommen!", erklärte einer der jungen Männer. Sie hatten sich und ihre Fähigkeiten wohl deutlich überschätzt. Der Steppenkrieger indes ging in die Hocke und zog sein Messer aus dem toten Körper dessen, der wohl der Anführer gewesen war.
"Und was ist das?", fragte die Frau, und deutete auf den am Boden liegenden Körper.
"Er... er kam plötzlich aus dem Nichts und hat ihn getötet!", antworteten die Männer bereitwillig - dieses Verbrechen sollte schließlich gerächt werden!
"Niemand berühren Pferd von Steppenkrieger und überleben!", verkündete der Steppenkrieger von hinten, während er sein Messer an der Kleidung des Toten säuberte. "Wer probieren: eigene Schuld!"
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Am nächsten Morgen war es nicht die Herrin, die sich ihm näherte. Drew hatte zusammengerollt unter den Flügeln auf einem Felsen geschlafen, als er etwas hörte.
Sofort war er hellwach.
Jemand machte sich gerade an der Kette zu schaffen und sah auf als Drew sich bewegte.
Für einen Augenblick starrten sie sich an, er mordlüstern, der Andere entsetzt.
Dann war er auch schon aufgesprungen und hatte den Mann gepackt, welcher sich verzweifelt wehrte und dann die losgemachte Kette zu fassen bekam.
Drew konnte demjenigen der die Kette hielt nichts tun.
Wütend schnaubte er noch einmal, aber hielt dann inne und ließ den Mann hinunter.
Er bekam auch sofort Verstärkung und zu zweit zogen sie ihn schließlich ins Lager.
Drew sträubte sich nach Kräften, aber letztendlich - mit Hilfe einiger Wachen - hatten sie ihn wo sie ihn wollten.
Die Herrin wartete schon.
Sie saß an einem Tischlein vor ihrem Zelt und frühstückte, als wäre sie zu Hause in ihrem Schloss.
Nachdem man ihn mit Piken und Kette endlich an Ort und Stelle hatte, versuchte auch die Herrin ihn zu besänftigen.
Mit lächerlichen Früchten.
Sie wollte ihn füttern!
Drew war das endgültig zuviel. Ihr Glück war, dass zwei Wachmänner zur Stelle waren um ihn sofort zurückzuzerren.
Die Lady wirkte geschockt. Sie schimpfte lautstark, bis nun auch noch der Magier herbeigeeilt kam, der ihr erklärte, dass sie nur Gewalt über Drew hatte, wenn sie die Kette hielt.
Aber anscheinend hatte sie nun keine Lust mehr ihn zu füttern. Drew hatte ihr fast eine Hand abgebissen - und dabei hätte er das wirklich gekonnt, wäre er nur absichtlich böse gewesen.
"Ich schätze man muss es besser zähmen. So angriffslustig können wir es nicht nach Dwantir bringen", meinte sie.
'Gut gut, das verschafft uns mehr Zeit', dachte Drew zufrieden.
"Wenn es sich wieder so aufführt, will ich, dass es bestraft wird!", tönte die Lady.
Drew gab ihnen die Gelegenheit sofort, als sie versuchten ihn wegzuziehen.
Eine einfache Bitte hätte genügt, statt dessen versuchte einer der Typen ihn mit seiner Pike anzutreiben.
Lernten die denn gar nicht?
Eine Sekunde später musste sie den wütenden Drachenmann von dem Pikenier herunterzerren und als nächstes hörte Drew auch schon: "Jetzt reichts".
Einer der Männer löste seine Peitsche vom Gürtel.
Drew hatte gestern schon zu spüren bekommen, dass dieser spezielle Mensch sie etwas zu gern benutzte.
In dem Augenblick kam auch Eli dazu. Drew hatte ihn gar nicht bei den anderen Mitreisenden gesehen, die alle gebannt das Spektakel ansahen.
Eli schnaubte etwas von wegen: "so es lernt nie etwas!", und näherte sich.
Die Lady, die bereits gefeixt hatte zu sehen wie der aufmüpfige Drachenmann bestraft wurde, winkte ihn her, so dass niemand Eli aufhielt, der langsam näher kam und seine Waffen dabei wie selbstverständlich einem der Wachleute in die Hände drückte.
Anstatt einen weiten Bogen um Drew zu machen, ging er langsam weiter auf den Mann mit der Kette zu, der Drew am nächsten war und zog dabei sein Hemd aus und warf es dann mitsamt dem Gürtel und Dolch dem Wachmann daneben zu.
Dann passierte er den Mann der Drews Kette hielt und trat damit in die Gefahrenzone, in der vorhin die Lady schon angegriffen worden war.
Der Steppenkrieger hatte den Kopf gesenkt und kam langsam noch ein Stück näher. Langsam genug, dass Drew ihn ansehen konnte, ohne dass Eli seinen - wenn auch imaginären - Dunstkreis sofort betrat.
Drew ließ Eli noch ein Stück näherkommen und spannte sich dann, als der Krieger noch näher rückte.
Eli bemerkte es sofort und blieb stehen. Für die Umstehenden sah es so aus, als hätte der Krieger es genau im Gespür wie weit er gehen konnte.
Eli wartete einige Augenblicke, während er nicht nur Drew die Gelegenheit gab etwas nervös zu wirken, sondern auch den Zuschauern, den Atem anzuhalten.
Als er anschließend wieder einen Schritt auf Drew zu machte, sah er ihn an.
Furchtlos und entspannt.
Alles an dem Krieger sagte: "Nur die Ruhe, ich komme einfach nur her. Kein Grund mich fressen zu wollen!"
Darüber hinaus zeigte er Drew deutlich: "Und mit dir werde ich auch ohne Waffen fertig wenns drauf ankommt" , und das beeindruckte Drew tatsächlich.
Allerdings nicht so sehr, dass er nicht anfing den Mann anzufauchen, als dieser noch näher kam.
So leicht machte er es ihm nicht!
Außerdem sollten die Anderen nicht glauben er wäre jetzt brav und zahm.
Eli wartete einfach. Er stand nur vier Schritt weit von Drew entfernt. Der Mann mit der Kette war doppelt so weit fort.
"Du solltest...!", fing dieser an und wollte die Kette Eli zuwerfen. Drew hörte die Kette rasseln und zuckte zusammen.
"Still!", zischte Eli und wies den Mann mit der Kette zurück.
"Bleib da!", er selbst schien die Kette nicht zu wollen.
Glück für ihn. Drew hasste dieses Ding um seinen Hals - und noch mehr, wie ein Hund spazierengeführt zu werden.
Eli wartete wieder. Die Zuschauer glotzten. Immerhin lebte der Steppenreiter noch.
Die Typen mit den Piken warteten ebenfalls. Niemand der Wachen und Jäger, die gebannt zusahen, machte Anstalten bereit zu sein, falls Drew auf Eli losging. Wahrscheinlich wollten sie alle lieber zusehen, wie der Drachenmann den Besitzer des "schwarzen Teufels" oder "den Wilden" zerfetzte.
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Alle außer einem. Er gehörte zu der Gruppe junger Männer, die am Vortag versucht hatten, das Pferd des Steppenkriegers einzufangen. Und er hatte noch eine Rechnung mit diesem Barbaren offen! Und alle Augen waren nur auf diesen Barbar gerichtet - als sei er ein bewundernswertes Wesen! Wenn der das konnte, konnte er das auch!
Der junge Mann trat plötzlich vor, riss einem der Wachen die Pike aus der Hand und trat erstaunlich furchtlos auf das Drew zu.
"Na komm her, mit dir werd' ich fertig!"
Mit diesen Worten sprang er in den Kreis vor, den Drew trotz der Kette erreichen konnte und dieser reagierte sofort. Mit einem lauten Fauchen stürzte er sich ohne zu zögern auf den überraschten Gegner, fegte mit einer seiner Klauenhände die Pike beiseite und zog die andere klauenbewehrte Hand durch das Gesicht seines Opfers, dass dieser aufschrie und blutüberströmt zusammenbrach noch ehe er überhaupt eine Chance zur Gegenwehr gehabt hatte. Es war so unglaublich schnell gegangen, dass warnende Aufschreie aus dem Publikum erst ertönten, als der Mann schon halb am Boden lag.
Die Wache, die die Kette in der Hand hatte, zog Drew mit brutaler Gewalt zurück, so dass es den Geflügelten würgend auf den Boden warf und sofort waren wieder etliche Piken auf ihn gerichtet - auch Eli war zurückgesprungen und ging dafür jetzt auf den Verletzten los, die bei ihm knienden Helfer völlig ignorierend.
"Kcha-brak!", brüllte er, den am Boden liegenden an. "Wenn du sterben wollen - machen selbst!" und war schon weiter, bevor irgendwer auf die Idee kam, ihn jetzt aufzuhalten. Er bahnte sich seinen Weg durch die inzwischen erstaunlich groß gewordene Menge, bis er zu der Wache kam, die die Kette hielt.
"Aufhören!", herrschte er diesen an, der Drew auch weiterhin durch steten Zug an der Kette traktiert hatte - obwohl dieser gar nicht näher kommen konnte, ohne in eine Handvoll Piken hinein zu laufen.
Eli trat hinter ihn, schob den Wächter bestimmt nach vorne, während er dessen Arm hinunterdrückte, etwa auf Hüfthöhe. "Lassen entspannt. Nicht... verletzen!"
Der verdutzte Wachmann nickte nur und tat wie ihm geheißen. Eli wollte sich gerade dem nächsten Wachmann zuwenden, als sich endlich jemand einmischte.
"Mylady, wie mir scheint, beherrscht euer neuer Leibwächter die Kunst, sich dem Hybriden gefahrlos zu nähern. Vielleicht sollten wir die weitere Dressur vorerst ihm überlassen", erklang der Singsang des Magiers, jedoch nicht ohne eine gehörige Portion Respekt.
"Und du meinst das wird funktionieren?", fragte die Angesprochene zweifelnd. "Solange niemand Dummheiten machen", mischte sich Eli nun selbst in das Gespräch ein. Normalerweise hätte er das natürlich nicht gemacht, vor allem, da ihm seine unvollkommene Sprache peinlich war. Aber er war immer noch so erregt von dem gerade Geschehenen, dass er völlig vergessen hatte, mit wem er da sprach - und was diese Personen mit ihm machen konnten, wenn ihnen nicht gefiel, was er sagte.
Schnell trat er daher wieder in den großen Kreis, hob die Arme und befahl. "Legen Waffen weg!".
Die Wachen schauten sich verwirrt an, doch eine flinke Handbewegung ihrer Herrin ließ sie gehorchen und sie ließen langsam die Waffen sinken. Erst da schloss Eli für einen Moment die Augen und nahm einen tiefen Atemzug, um die Aufregung zu vertreiben. Er senkte wieder den Blick, ließ die Arme locker am Körper herunterhängen. Bereits die kurzen Augenblicke im Kreis mit Drew hatten ihn von einem überzeugt: Dieser war nicht nur äußerlich halb Drache.
Eli hatte etwas angewandt, was er bereits als Kind gelernt hatte - das bestgehütete Geheimnis der Steppenkrieger: Ihr Weg, sich einem Pferd zu nähern. Es funktionierte zwar anders bei Drew und Eli war sich noch nicht ganz sicher, nach welchen Regeln dieses Spiel gerade ablief, aber es gab nur einen Weg es herauszufinden: So lange zu versuchen, bis er den richtigen Weg gefunden hatte. Und der Anfang war gemacht!
Wieder schritt er in den Kreis, in dem sich auch Drew frei bewegen konnte. Eli ging langsam vorwärts, alle Sinne zum zerreißen gespannt. Er versuchte, jede noch so kleine Reaktion seines Gegenübers aufzunehmen, um den Punkt zu erkennen, an dem beim Anderen die Schmerzgrenze erreicht war.
Da! Der Drachenmann, der vorher zwar angespannt, aber nicht kampfbereit gewesen war, spannte die Muskeln an. Schon beim letzten Mal hatte er diesen Moment abpassen können - und verharrte nun mitten in der Bewegung. Er wusste, würde er weitergehen, würde er angegriffen werden. Das war das ganze Geheimnis seiner Methode, so geheimnisvoll sie auch aussehen mochte: Jeder Aktion gehen Zeichen voraus, die diese ankündigen - diese Zeichen zu erkennen, war der erste Schritt, wollte man nicht - in diesem Falle zumindest - diese wirklich scharfen Klauen zu spüren bekommen.
Und gleichzeitig vermittelte man seinem Gegenüber eine Botschaft: Ich sehe, wenn du genug hast - und ich setze mich nicht darüber hinweg - wie es alle Anderen bisher getan hatten. Erst als Drew sich wieder entspannte, bewegte Eli sich langsam vorwärts. Auf die Drohgebärden brauchte er nicht zu achten - aber wenn der Andere wieder die Muskeln anspannte, oder irgendeine andere Reaktion zeigte, war es Zeit, inne zu halten.
Da! Fast unmerklich war Drew umgetreten, hatte sich in eine bessere Kampfposition manövriert. Eli war sich nicht sicher, ob das eines der Zeichen war, auf die er hören musste, aber er blieb lieber für einige Minuten stehen, bevor er seinen Weg langsam fortsetzte.
Das Publikum hatte inzwischen staunend den Atem angehalten und verfolgte gespannt jede Bewegung des ungleichen Paares in diesem seltsamen Tanz - aber Eli hatte alle Zuschauer bereits vergessen. Alles was zählte, war sein Gegenüber, dem er Zentimeterweise näher kam.
Er hatte es mit einem Raubtier zu tun - und durch die besondere Situation war natürlich jeder Fluchtversuch des Anderen sinnlos. Als einzige Abwehrreaktion blieb dem Drachenmann also nur noch der Angriff, dass musste Eli im Hinterkopf behalten. Denn er hatte immer noch keine Ahnung, nach welchen Regeln er da gerade spielte. Alles was er konnte, war einfach zu Versuchen - und seine Schlüsse zu ziehen.
Eines allerdings war sicher: seit dem sie den Hybriden vorhin misshandelt hatten, war für Drew der Spaß vorbei. Eli hatte die ungute Ahnung, dass Drew nur mehr zum Teil Herr seiner Gefühle war.
Schließlich war er dem Geflügelte so nahe, dass dieser nur seine Hand ausstrecken brauchte und seine Krallen würden sich in Elis Bauch bohren. Die Muskeln des Wesens waren hier zum zerreißen gespannt, Eli konnte fast spüren, wie in dem Drachenhalbling die Erwartung stieg. Auch wenn er vor allen anderen einen Wissensvorsprung hatte - Drew war mehr Mensch als alle vermuteten: im Moment half ihm das nicht weiter. Er hatte es mit einem anderen Teil dieses seltsamen Wesens zu tun, einem Wesen, dass nur wenig mehr als seinen Instinkten gehorchte. Und deshalb durfte Eli sich auch nicht auf den gemeinsam gefassten Plan verlassen.
Als sich der andere auch nach mehreren Minuten nicht ein winziges Quäntchen entspannt hatte, trat Eli langsam zurück, verließ den Aktionsradius des Geflügelten ebenso bedacht, wie er gekommen war.
"Was...? Wieso hört ihr auf? Das war Grandios! Spektakulär! Wieso macht ihr nicht weiter?", fragte seine fassungslose Schutzbefohlene in die eingetretene Stille hinein.
"Nicht wollen sterben. Er nicht zulassen, dass ich näher kommen. Vielleicht, wenn ich Zeit haben - und Ruhe!", meinte Eli ruhig, während er sein Hemd und seine Waffen entgegennahm. "Jetzt es genug haben".
"Wie blöd", schmollte Raija. Aber daran konnte man wohl nichts ändern, Eli hatte sehr überzeugt geklungen.
"Also gut. Du darfst das weiter mit ihm machen. Aber niemals allein! Ich werde dir nachher die Leute zeigen, die dich begleiten werden. Mal sehen, was du erreichen kannst." Die junge Frau drehte sich um, um sich wieder ihrem Frühstück zuzuwenden, und sagte noch: "Na los, bringt es weg! Sonst lasse ich es doch noch auspeitschen!"
Drew war fix und fertig.
Zuerst hatten sie eigentlich nur herumgealbert. Er hatte so getan als ob. Das war nicht weiter schwer gewesen. Drachen waren wütende Bestien mit messerscharfem Verstand. Solange dieser aktiv war konnten sie überlegt handeln. Er hatte nur tun müssen, was seine Instinkte sagten, aber die Kontrolle natürlich über die ganze Show behalten.
Nachdem ihn allerdings der Kerl angegriffen hatte und vor allem, nachdem dieser andere Irre die Kette so stramm gezogen hatte, dass er keine Luft mehr bekommen hatte und darüberhinaus die Pikeniere ihre Lanzen auf ihn gerichtet hatten - zwei hatten die Gelegenheit genutzt und ihn sogar leicht verletzt - war das Spiel nicht mehr so witzig gewesen.
Er hatte keine Ahnung wieso, aber diese Kette machte ihn verrückt. Vielleicht lag es an der Magie, die ihr innewohnte. Diese permanent auf ihn ausgeübte Magie war drauf und dran seinen Verstand abzuschalten. Sie brachte die Instinkte in ihm dazu permanenten die Oberhand gewinnen zu wollen.
Vielleicht weil sie gemacht worden war um ein Tier zu zähmen. Magie hatte oft seltsame Auswirkungen. Es war ihm jedenfalls schwer gefallen bei Elis weiterem Vorgehen nicht tatsächlich in das Verhalten eines Biestes zu fallen.
Er fand die Idee mit einem Mal gar nicht mehr so gut.
Doch hätte er hier und jetzt gesittet gesprochen und mit Messer und Gabel gegessen und sich aufgeführt wie ein Mensch, hätten sie ihn wahrscheinlich trotz allem an diesem Halsband gelassen oder es so verzaubert, dass er niemand angreifen konnte.
Egal wie gesittet er tun würde, sie würden ihm niemals trauen.
(c) Susanne Forster & Tjörn Sinzig
Kontakt: www.boronk.de oder www.virtualwords.de
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