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Das Ende von Ferro

Es war ein kalter Morgen gewesen. Der Winter war gar gerade erst vorbei und der letzte Schnee im Noctu-Tal geschmolzen.

Überall waren Handwerker dabei die Schäden zu beseitigen, die der Winter angerichtet hatte. Löcher in den Dächern wurden geflickt. Gesprungene Steine in den Mauern ersetzt.

Doch das Prunkstück des Dorfes Ferro Nocturno, so wurde dieser Platz genannt, war der gerade erst fertig werdende Tempel der Juno. Golden strahlte ihre Statue im frühen Morgenlicht. Auf den Gerüsten rund um den Tempel herrschte Hochbetrieb. Die Hölzer knarrten unter der Belastung die die darauf arbeitenden Handwerker verursachten. Steine, Bretter und Werkzeug wurde hoch geschafft, damit er endlich in vollem Glanze erstrahlen würde können.

Auch die Königin Cymric und ihre Stellvertreterin Lunatis hatten sich eingefunden, um das Bauwerk zu bewundern. «Schön ist er geworden», sagte die Außenministerin und die Königin nickte zustimmend.

Plötzlich wie aus dem Nichts begann der Boden zu beben. Erst ganz sanft, dann heftiger. Dann erstarb das Beben und eine unheimliche Ruhe kehrte ein. Steine und Bretter waren vom Dach gefallen, ein Arbeiter war abgerutscht und konnte sich gerade noch an einem Lastenseil festhalten.

"Was war das?" fragte die Königin. Zwei Wachen kamen herbeigeeilt um zu sehen, ob der Königin nichts fehlt. Eine dritte Wache rief derweil: «Seht doch, eine Lawine am Berghang!» Sofort richteten sich alle Blicke auf den Berghang oberhalb des Dorfes. Die Schneeschmelze hatte den Schnee labil gemacht und dieser donnerte nun in einer gigantischen Staublawine zu Tal.

Das Dorf und auch die oberhalb im Berg befindlichen Minen waren zum Glück so hinter einer Erhöhung gebaut, dass eine Lawine sie nicht erreichen konnte. Stattdessen donnerte diese in einem Tal herab, welches die Schneemassen vom Dorf wegführten.

Lediglich eine Wolke aus Eiskristallen, die von der Lawine aufgewirbelt worden waren, erreichte das Dorf. Die Leute waren jedoch alle rechtzeitig in ihre Häuser geflohen, um sich vor den Unannehmlichkeiten zu schützen.

Kaum waren die Königin und die Wachen im Palast in den Thronsaal zurückgekehrt, bebte die Erde erneut. "Noch eine Lawine?" fragte die Königin. "Sehr ungewöhnlich", erwiderte Lunatis.

Noch ehe die Königin mehr sagen konnte, kam einer der Diener herbeigeeilt. "Majestät, Majestät, ein Bote von den Minen in den Bergen!" brachte er hervor, er ihm der Atem ausgegangen war. Nur wenige Augenblicke später kam ein Mann durch die Tür geeilt, so flink, dass selbst wenn sie verschlossen gewesen wäre, ihn wohl nicht aufgehalten hätte.

Sein Gesicht war schwarz von der Arbeit in den Minen und doch ernst, entschlossen und kündete von etwas Schrecklichem, dass sich zugetragen haben musste.

Bevor er den Mund aufbrachte, um zu berichten, sprach die Königin ihn bereits an: "Ist es wirklich so schlimm, wie ihr dreinschaut? Was genau ist passiert? War es die Lawine?"

Doch nein, es war nicht die Lawine, wie die Königin und ihre Minister in Kürze herausfinden würden. Der Bote brachte schreckliche Kunde von den Minen.

Erneut schüttelte der Boden. Staub und kleine Steinchen fielen von der Decke des Thronsaales, doch nicht davon war die Königin aschfahl im Gesicht geworden.

Das Beben hatte sich verstärkt und trat nun so häufig auf, dass ein leichtes Zittern der Erde nun fast pausenlos wahrgenommen werden konnte.

Obwohl der Winter gerade erst vorbei war, war es mittlerweile sehr heiß im Dorf geworden und die Temperatur kletterte weiter. Die Luft begann säuerlich zu riechen.

"...ein Vulkan?" fragte die Königin ganz entsetzt.

"Ja Frau Königin, ein Vulkan. Wir wussten schon ja schon länger, dass hier irgendwas nicht in Ordnung war. Die vielen Schlote, die Gas verströmten, die ungewöhnliche Wärme in den Minenschächten, man denke nur daran, dass die Hänge im Winter zum Teil schneefrei blieben.

"Und nun heute dies: Während wir in der Mine das Erzgestein abbauten, wurden die Wände immer heißer. Wir mussten den Schacht verlassen. Kaum waren wir an der frischen Luft angekommen, als die Erde bebte. Er war jedoch nicht die Lawine, denn sie war viel mehr eine Folge der Erschütterung als ihre Ursache. Der Schacht stürzte Augenblicklich in sich zusammen und Spalten taten sich im Boden auf.

"Drei Arbeiter fielen in den Abgrund ohne Ende, fünf entkamen den Gasen aus dem Höllenschlund nicht. Der Rest ist geflohen und ich bin gekommen um euch zu berichten! Es ist wie ein Weltuntergang. Es ist aus und vorbei. Es gibt keine Hoffnung mehr! Wir müssen Ferro Nocturno schnell verlassen sonst..."

Den Rest der Worte konnte man nicht mehr vernehmen. Ein gewaltiger Knall war zu hören, dann bebte die Erde wie sie noch nie zuvor gebebt hatte und ein Teil der Decke löste sich und begrub den Boten unter sich.

"Cymric", sprach Robert Bruce, der Innenminister, «wir müssen Ferro Nocturno zum Wohle seiner Bürger aufgeben! Seid vernünftig, keiner wird das sonst überleben!»

Cymric nickte nur, während sich das Entsetzen auf ihrem Gesicht breit machte. Sie erhob sich vom Thron und sprach: «Nun denn, sei es wie es sei. Gebt den Befehl zur Evakuierung. Robert, Luna, folgt mir bitte, ich habe da etwas, wobei ich eure Hilfe brauche!» Nach diesen Worten verschwanden die drei in einem Raum hinter dem Thronsaal, was kein leichtes Unterfangen war, da der Boden bebte und der Thronsaal wackelte.

Inzwischen hatte sich das Kommando zum Evakuieren weit herumgesprochen und viele der Bewohner flohen sogleich Richtung Süden in die Sümpfe, während andere versuchten, noch ihre Habseligkeiten zu retten.

Was die Bewohner nicht wussten, war, dass die Lawine, welche man am Morgen hörte, in jenes Tal unterhalb der Minen niedergegangen war, welches einen großen Wildbach speiste, der sich normalerweise in den Lavo, einem der beiden große Flüsse des Noctu-Tals, ergoss. Doch die Schneemassen waren so gigantisch, dass sie das ganze Tal versperrten und einen riesigen Damm bildeten. Und zu allem Überfluss ergoss sich die Lava aus den Spalten in eben jenes Tal und floss zähflüssig aber zielstrebig auf den Damm zu.

Im Dorf schien es, als wäre erneut der Winter eingekehrt. Aber nicht Schnee rieselte vom Himmel und lag einen halben Meter hoch in den Gassen, sondern Asche war es. Man konnte kaum atmen und sich auch nicht leicht bewegen deswegen.

Doch trotz dieser widrigen Umstände schafften es alle Bewohner des Dorfes es zu verlassen, manche in die angrenzenden Berge, manche wollten lieber in den Sümpfen zuwarten. Nur von der Königin und ihren zwei Vertrauten war nichts zu sehen.

In der Zwischenzeit hatte sich die Katastrophe ihren Weg gebahnt. Die Lava hatte den gewaltigen Schneedamm geschmolzen und die aufgestauten Wassermassen brachen durch. Wie eine Sintflut ergoss sich das Wasser ins Noctu-Tal und bildete mit der Asche eine gewaltige zähe Masse. Zuerst erreichte es das Dorf von Ferro Nocturno, und ließ davon nichts übrig, um sich anschließend in die Sümpfe zu ergießen.

Die Drohgebärden des Vulkans hatte man nicht nur im Noctu-Tal vernommen, sondern viel weiter. Und so geschah es, dass schon wenige Stunden nach der Katastrophe die ersten Verbündeten eintrafen, um nach dem Rechten zu sehen. Eine der ersten Allianzen war wie immer der Orden der eisernen Wölfe, wo damals nach dem Falle der Hauptstadt des Noctu-Tals viele Nocturnen ausgewandert waren.

Sie und die Black Knights nahmen auch jetzt viele der Überlebenden des Unglücks auf, die sie geborgen hatten. Trotz einer ausgedehnten Suche konnten jedoch bei Weitem nicht alle Bewohner Ferros gefunden werden. Auch die Königin und ihre beiden Vertrauten waren wie von der Bildfläche verschwunden. Da der Vulkan keine Ruhe geben wollte, musste die Suche nach 3 Tagen abgebrochen werden, um nicht auch noch die Suchmannschaften zu verlieren.

Dort wo einst das ruhmreiche Ferro gestanden hatte, war nun nichts mehr zu sehen. Die Flutwelle hatte die meisten Häuser komplett mitgerissen und die Lava danach den Platz aufgefüllt. Einzig die Spitze des Juno-Tempels ragt heute noch an jener Stelle aus dem Boden.



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Autor: Gastautor

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