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Ein Blick über den Tellerrand: Liverollenspiel

Du bist auf einem Spaziergang durch ein sommerliches Flusstal. Es ist warm und angenehm, du bist froh dich doch endlich mal zu diesem Spaziergang durchgerungen zu haben.
Immer wieder begegnen dir andere Spaziergänger oder Radfahrer, einige grüßen sogar.
Die Vögel zwitschern, die Grillen hört man in den Wiesen und die Waldtiere huschen um dich herum als du dem Weg durch den Wald folgst.

Doch dann hörst du noch etwas anderes. Schreie hallen durch den Wald, es klingt wie das Spiel von Kindern, von vielen Kindern, von großen Kindern.
Und dann bricht vor dir aus dem Unterholz ein Mann in Kettenhemd, Leinenkleidung und hält dir ein Schwert direkt vor die Brust. Erschrocken schaut er dich an. "Tschuldige, dachte hier wären Orks...", raunt er und huscht wieder in den Wald.

So kann es einem ergehen, wenn man mitten in ein Liverollenspiel hineinplatzt. Eher gesagt platzt das Liverollenspiel in dein Leben nicht umgekehrt.

In diesem Artikel möchte ich denjenigen, die es noch nicht kennen, das Liverollenspiel vorstellen. Interessant wird es vor allem für die sein, die auch am RPG Interesse haben. Und ich weiß, dass die Liverollenspielgemeinde innerhalb TA auch nicht gerade klein ist. Ich beschreibe hier das Liverollenspiel im Mittelalter-Fantasy Bereich, dem bekanntesten und am meisten bespielten Liverollenspiel Bereich. Es gibt natürlich auch andere Liverollenspiele, die in der Jetzt-Zeit oder in der Zukunft "bespielt" werden.


Liverollenspiel, was ist das?

Es ist ein Rollenspiel wie es viele andere auch sind. Der große Unterschied zu den anderen Rollenspielen, wie es auch das RPG ist, ist folgender:
Man stellt alles mit dem eigenen Körper dar. Vieles, was man normalerweise im Rollenspiel der Phantasie überlässt, wird hier real dargestellt. Man stellt eine andere Person als sich selbst dar und lebt in diesem Charakter für die Zeit des Spiels.
Der oben beschriebene Kämpfer trägt ein Kettenhemd und eine Waffe. Man stellt sich keine Kämpfe vor, man kämpft wirklich.

Doch um denjenigen, die eher wie in der Szene oben an das Liverollenspiel herangeführt werden, die Angst zu nehmen: Es sind weder echte Schwerter noch andere echte Waffen im Kampfgeschehen. Auch ist es mehr eine Kampfdarstellung als ein echter Kampf. Im Gegensatz zu mittelalterlichen Reenactment Gruppen werden hier keine Waffen aus Stahl genutzt. Die beim Liverollenspiel verwendeten Waffen sind sogenannte Polsterwaffen, die plumper aussehen als echte Waffen aber die fast vollständig aus Schaumstoff bestehen, damit ein geringeres Verletzungsrisiko besteht. Damit die Waffe stabil ist, befindet sich inmitten des Schaumstoffs ein Kernstab. Damit der Schaumstoff nicht sichtbar ist wird er verkleidet, meist mit Hilfe von Latex, das als Anstrich dient. Die Waffe glänzt jetzt und sieht Metall ähnlich aus, ist es aber nicht.
Die Rüstung hingegen, also hier das Kettenhemd, ist real und aus richtigem Eisen.

Zu einem Liverollenspiel treffen sich immer mehrere Personen, wobei je nach Larp (Live-Action-Role-Playing = Liverollenspiel) zwischen 10 und mehreren tausend Personen mitspielen.

Ich picke mir ein Larp von 50 Personen Größe heraus, um anhand dieser Gruppe zu beschreiben, wie ein solches Liverollenspiel aussieht.

Monate oder Jahre vor dem Ereignis beginnt eine Organisatoren-Gruppe (kurz: Orga) damit, sich Gedanken über ein Liverollenspiel zu machen. Diese Orga ist das Regisseurteam, welches auch eine Geschichte schreibt, die später dann im Spiel bespielt wird. Die Orga mietet eine Zeltplatz, eine Burg oder eine Jugendherberge für ein Wochenende an und veröffentlicht ihr "Event" auf bekannten Liverollenspiel-Seite im Internet. Mit und mit melden sich dann andere Personen zu diesem Liverollenspiel an. Jeder Angemeldete muss einen gewissen Betrag bezahlen, damit die Kosten für die Unterkünfte, die Requisiten und zum Teil auch das Essen bezahlt sind.

In meinem Beispiel mietet die Orga einen Zeltplatz an und kauft vor dem Liverollenspiel Getränke ein, die dann kostenlos an die Teilnehmer verteilt werden. Der Preis für dieses Liverollenspiel beträgt pro Teilnehmer etwa 45 Euro.

Nun melden sich bei der Orga Spieler an, die ihre eigenen Charaktere spielen wollen. Diese eigenen-Charakter-Darsteller nennt man dann SC (Spieler Charakter). Diese Personen haben einen Charakter, den sie sich selbst ausgedacht haben, selbst kostümiert haben und mit dem sie dann auf dem Larp eine Geschichte erleben werden, von der sie bisher keine Ahnung haben.

Es melden sich bei der Orga aber auch solche Leute an, die keinen eigenen Charakter spielen wollen. Diese Leute bekommen dann von der Orga Charaktere vorgeschrieben, die sie zu spielen haben und je nach Orga bekommen diese Leute dann auch Ausrüstung und Kostüm gestellt. Diese Leute nennt man dann NSC (Nicht-Spieler-Charaktere).

In meinem Beispiel spielen ein Teil dieser Leute Orks. Ein anderer stellt einen Schwarzmagier dar und wieder eine andere eine Hexe. Diese vorgeschriebenen Charaktere ermöglichen, dass eine Geschichte überhaupt erst dargestellt werden kann. Auf die Aktionen der NSC können die SC reagieren und umgekehrt. Die NSC spielen die Geschichte, die die Orga sich ausgedacht hat und die SC steigen in die Geschichte ein.

Nehmen wir einmal an, dass in meinem Beispiel die Hexe die Orks unter ihre Kontrolle mittels Magie gebracht hat. Da die Hexe seit Jahren eine persönliche Fehde mit dem Schwarzmagier hat, sendet sie die Orks aus, um dem Magier zu schaden. Dieser Konflikt läuft schon seit Monaten so, bis auf einmal eine Gruppe Reisender (die SC) auftaucht. Hier beginnt das Liverollenspiel, alles andere ist die Vorgeschichte, die die Orga sich ausgedacht hat.

Der Magier bittet diese Reisendem um Hilfe gegen die Orks. Der Schwarzmagier weiß nicht, dass die Hexe hinter den Orkangriffen steckt.
Hilfreich wie die meisten sind, suchen die Reisenden nun Kontakt zu den Orks und befragen sie. Wie das genau aussieht kann die Orga vorher nicht wissen, kann es aber ahnen. Entweder versuchen es die SC diplomatisch, oder kriegerisch und nehmen Gefangene, die sie befragen können... oder sie helfen dem Schwarzmagier gar nicht. Aber dann könnten die Orks ja rein theoretisch auch einfach so mal die Reisegruppe der SC angreifen und die Sc versuchen dann aufgrund des Angriffs auf sie selbst heraus zu bekommen, was los ist.

Im Vordergrund des Spiels steht immer die Interaktion mit den anderen. SCs interagieren mit anderen SCs, SCs interagieren mit NSCs und NSCs interagieren untereinander.

Die Orga ist nicht nur für die Organisation sondern auch für die Durchführung des Spiels verantwortlich. Deswegen nennt man sie auf dem Spiel selbst meist Spielleitung (kurz: SL). Die Spielleitung kann man alles Relevante fragen: Wo die Toiletten sind, ob ein Gegenstand im Spiel zu sehen ist, ob man etwas ungewöhnliches fühlt oder ob man mittels Magie einen Gegenstand untersuchen darf und wenn ja, was man dann erfährt.

... Magie?
Ja Magie. Zwar kann man vieles ausspielen und darstellen im Liverollenspiel, doch was wäre Fantasy ohne Magie? Ein paar Dinge muss man also doch wieder seiner Phantasie überlassen.
Es gibt also auch Magier und Hexen im Spiel. Die Zauber, die sie wirken können nur zum Teil visualisiert werden: Wenn ein Magier einen Kampfzauber anwendet, beispielsweise schleudert er einen Ball aus Feuer in die gegnerischen Reihen, dann kann der Ball selbst ein roter Schaumstoffball sein, der durch die Luft fliegt. Dass dieser Ball aus Feuer ist, muss man sich nun aber vorstellen, ebenso wie das Feuer, dass ausbricht, wenn der Feuerball auf den Boden trifft.

Ich will in diesem Artikel nicht weiter in die Tiefe gehen, da das Thema an sich sehr komplex ist. Wer Interesse an mehr Informationen hat, kann sich hier informieren.

Gesagt seien noch ein paar Dinge:
Liverollenspiel ist ein Hobby, das Teamgeist und eine gewisse Sportlichkeit verlangt. Man muss sich in die Rolle einer Figur hineinversetzen können, ohne immer wieder in sein reales Leben zurück zu verfallen, denn das stört das Spiel.

Damit jetzt nicht der Gedanke aufkommt, solche Liverollenspiele seien selten gesähte Ereignisse: Jedes Wochenende findet in Deutschland mindestens ein Liverollenspiel statt. Im Sommer gibt es pro Wochenende bis zu -zig verschiedene Larps, die ausgetragen werden. Auch solche Feiertage wie Ostern oder Pfingsten werden von Liverollenspielern genutzt um sich zu treffen und zu spielen.

Wer jetzt Interesse bekommen hat an dieser Art des Rollenspiels oder einfach nur mehr Informationen haben möchte, kann sich gerne an mich wenden. Ich stehe per Mail und icq gerne für Fragen zur Verfügung... oder auch in dem verlinkten Forum.



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Autor: Priscylla

Priscylla

Ich war erst Amazone, dann begann ich mit TA im März 2007.
Ich bin Rollenspielbegeistert und freue mich auf jedes neue TA-RPG, in dem ich mich austoben kann.
Entsprungen dem Jahrgang '85 befinde ich mich derzeit mitten im Bauingenieursstudium.

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