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Drachenherz Kapitel 4
Die Stadt
Für Drew brach nun eine ganz neue Zeit an, denn sie erreichten am Tag darauf eine Stadt, gänzlich aus Stein erbaut.
Die Gänge und Gebäude die aus dem Fels und in den Fels hineinwuchsen, waren riesig und enorm luxuriös.
In den grau und weiß-wandigen Kavernen floss überall Wasser und durchsichtige Kristalle von vielen Metern Durchmesser ließen Licht von draußen herein.
Auf manchen Böden lag heller Sand und in einigen der Höhlen waren Wohnungen eingerichtet.
Und durch jeden Gang und in jeder Wohnung konnte ein Drache laufen ohne anzustoßen.
Was jedoch wesentlich interessanter war, waren die Bewohner:
Hier gab es keine Menschen, keine Elfen, Zwerge oder andere Wesen. Nur Geflügelte wie ihn, die ihn bei seiner und Razals Ankunft neugierig beäugten.
Die Größe der Höhlen täuschte darüber hinweg, dass es nicht besonders viele Geflügelte waren.
Drew schätzte sie auf 15 Familien, vielleicht 20.
300 Geflügelte, wenn er davon ausging, dass er einige von ihnen nicht zu Gesicht bekam, weil sie draußen waren.
Die Geflügelten hatten alle Farben, mache waren bläulich, andere rötlich, grünlich und braun. Drew sah nur niemand, dessen Schuppen genauso intensiv blau waren wie seine.
Die Geflügelten rückten respektvoll zur Seite, wenn Razal vorbei lief.
Sie schienen den Anblick von Drachen zu kennen, aber nicht all zu oft ihren Besuch zu erwarten.
Manche von ihnen sahen sogar ein wenig ängstlich aus, so als hätten sie lange keinen Drachen mehr gesehen und die jüngsten der geflügelten Kinder versteckten sich mit großen Augen hinter ihren Eltern.
"Sie leben hier. Sie brauchen ab und an etwas frisches Drachenblut, damit sie stark bleiben", erklärte der große Gefährte, als wäre damit alles gesagt.
Drew begriff, dass die Drachen einst ein Experiment gestartet hatten, das noch immer lief.
"Frisches Blut - soso?!", meinte er. Razal wirkte gelassen.
"Über die Genrationen hinweg wird das Blut dünn. Wir sorgen dafür, dass sie ihr Erbe nicht verlieren."
Neugierige Blicke streiften ihn aus den Reihen der anderen Geflügelten und Drew versuchte ihnen freundlich zuzulächeln.
Hier sah er Kinder, die sich in gewohnter Weise an Mütter klammerten und Väter, die ihre Frau an der Hand hielten und sie verliebt anlächelten.
Beinahe hatte er das Gefühl, dass das hier ein zu Hause sein konnte. Auch, wenn diese Leute hier keine Dracheneltern hatten, sondern seit einigen Generationen untereinander Kinder gezeugt haben mussten.
Nur zwei der Geflügelten waren dunkler, so wie er.
Der Eine braun und der Andere rot geschuppt und Beide wirkten wilder und dennoch irgendwie vertrauter. Und diese waren es auch, die allein herumstanden.
Drew vermutete, dass sie das Gleiche erlebt hatten wie er.
Diese Beiden wandten sich auch als Erste ab, ohne ihn neugierig zu beglotzen und gingen ihrer Wege.
Die nächste Generation im Dorf würde wieder wilder sein, kriegerischer und drachischer, ahnte er mit einem Lächeln.
"Hier wirst du eine Zeit lang wohnen, und hier kannst du dir eine Gefährtin wählen", erklärte Razal geduldig. Drew ahnte, dass das nicht einfach würde, aber er nickte.
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Razal hatte die Höhlen Tags darauf verlassen. Er hatte sich sogar verabschiedet. Drew hätte es ihm nicht übel genommen, wenn nicht, aber so war es einfacher sich wieder an die menschlichen Dinge im Leben zu gewöhnen.
Jetzt erst bemerkte er, dass sie ihm erstaunlich schwer fielen.
Denn während er die meiste Zeit über für sich blieb, bemühten sich die Anderen darum ihn kennenzulernen.
Er stieß eine nette junge, bläulich geschuppte Frau vor den Kopf, als sie am Morgen zu ihm kam - in eine Höhle, die sie ihm zum Wohnen überlassen hatten - und ihm Frühstück bringen wollte.
"Ich habe schon gegessen", erklärte er, denn er war bereits früh aufgestanden und hatte, wie er es gewohnt war, allein gejagt.
Er hatte nicht erwartet, dass er Frühstück bekam.
Die junge Frau wirkte verlegen und blieb mit hängenden Flügeln stehen.
Drew sah wieder auf. Er hatte versucht seine Schwerter zu schleifen und legte sie jetzt auf dem Tisch ab.
Für einen Moment fragte er sich, warum sie noch immer herumstand. Bis ihm klar wurde, dass sie einfach nur Gesellschaft suchte.
In der Höhle seiner Mutter hatte er Tagsüber allein gebadet, allein gegessen, und manchmal waren seine Geschwister auf die Idee gekommen zu spielen. Der einzige soziale Kontakt, den er wirklich gehabt hatte.
Er hatte sehr viel Zeit damit verbracht mit seinen Schwertern zu üben, damit er wieder die frühere Geschicklichkeit erlangte.
Er hatte seine Jagdversuche gemacht. Schon ehe er geflogen war, war er in der Nähe der Höhle herumgeklettert, hatte aber natürlich nie Jemanden getroffen.
Er hatte sogar seine Hosen umgearbeitet, so dass er sie trotz Schwanz und Flügel tragen konnte, alles aus einem Gefühl heraus, das er zwar nicht als Langeweile beschreiben konnte, aber doch um seinen Fingern etwas zu tun zu geben.
Die wenigen Gespräche mit seiner Mutter waren stets von ihr ausgegangen.
Und er hatte es kaum bemerkt, dass sehr viel Zeit vergangen sein musste, in der er draußen nur auf den Felsen gesessen und den Wind gefühlt hatte.
Ihm war kaum bewusst gewesen, dass die viele Zeit, in der er "nichts" getan hatte, in Wirklichkeit dafür verbraucht worden war, dass seine Sinne mit der Welt vertraut wurden.
Er hatte zu dieser Zeit gelernt zu hören, wenn Regen kam, und zu fühlen, wenn Magie benutzt wurde.
Er hatte zu unterscheiden gelernt, welche Magie den Lebewesen innewohnte, wenn er da saß und sich an seltsame Bruchstücke erinnerte, die nicht aus seinem Kopf gekommen waren, sondern die er irgendwie geerbet haben musste.
Mutter hatte nur einmal erklärt, dass dies angeborenes Wissen sei, und er darüber meditieren sollte um es zu verstehen.
Drew ahnte, dass in seinem Kopf sehr viel mehr Wissen war, als er überhaupt verarbeitet hatte.
Nur einsam war er dabei nie gewesen. Er hatte verlernt was es hieß in einer Gesellschaft zu leben.
"Magst du vielleicht hier bleiben?", fragte er endlich und die junge Frau, mit den bläulichen Kopfschuppen lächelte erleichtert ein strahlendes Lächeln, das trotz der spitzeren Zähne, eher schüchtern wirkte.
"Ich möchte aber wirklich nicht stören", meinte sie leise und er winkte sie, nun selbst grinsend, näher in den Raum.
Seine "Wohnung" hatte nur diesen einen, auch wenn der sehr groß war.
Auch hier gab es Lichtkristalle, die Licht von draußen einließen und einen Teich, durch den kühles, aber nicht zu kaltes Wasser floß.
Auch hier gab es Nischen in den grauen Wänden und in einer davon schlief er.
Die Höhle war groß genug, dass er seine Flügel vollständig ausstrecken konnte und selbst ein Drache hätte hier hereinkommen können, aber sie war bei weitem nicht so groß wie die Höhle seiner Mutter.
Im Gegensatz zu seinem früheren "zu Hause" gab es hier auch einen Tisch und Hocker.
Auf dem Tisch stellte die junge Frau das Essen ab und setzte sich dann zu ihm.
Drew legte sein Schwert weg und bemühte sich freundlich zu wirken.
Früher, dachte er verwirrt, hatte er sich nicht so angestellt, wenn eine Maid mit ihm geschäkert hatte.
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Drew war umgänglicher als der Rote und weniger schweigsam als der braune Drachengeborene.
Mit Beiden verstand er sich gut, obwohl sie untereinander zuerst nicht einmal ihre Namen gekannt hatten.
Er hatte zwar mitbekommen, dass die Anderen den Braunen Laran und den roten Mikosh nannten, aber wie Mutter gesagt hatte: Namen verdiente man sich.
Trotzdem hatten die Geflügelten ihn gefragt wie sie ihn nennen durften und ihm war nichts anderes eingefallen, als ihnen zu sagen, wie man ihn früher genannt hatte.
Er blieb auch nach einer Woche, in der er bereits hier wohnte, genau wie Laran und Mikosh die meiste Zeit über für sich und gesellte sich nur zu den Anderen, wenn sie ihn darum baten.
Es gab viele Dinge zu tun hier oben in den Bergen und man musste ihn dazu nie anweisen.
Sowohl Jagen, als auch Feuerholz zu sammeln tat er von allein, genauso wie er ohne zu zögern tötete, wenn sich etwas vor den Höhlen herumtrieb, das den Einwohnern gefährlich werden konnte.
Er bemerkte rasch, dass irgendwer im Gegenzug die Decken wusch auf denen er schlief, die Höhle fegte und frische Früchte vorbeibrachte.
Es gelang ihm nur nicht, sich richtig den Anderen anzuschließen.
Zuerst verstand er nicht genau wieso, aber mit der Zeit merkte er, dass er einfach zu wenig sprach.
Die Einzige die nicht locker ließ war Canthia, die junge, blaue Geflügelte, die jeden Tag vorbei kam.
Manchmal sah sie nur zu, wenn er übte, manchmal brachte sie etwas gekochtes zu Essen. Und sie schien immer zu wissen, wann er zu Hause war, denn wegen seiner viele Streifzüge in die Umgebung, war er das nicht oft.
Sie war auch am nächsten Morgen da, als er aufwachte.
Es duftete nach Frühstück.
Und sie lächelte ihn an, während er sich zerrupft und zerknittert aus seinem Nest schälte.
Zerrupft, weil er am Tag zuvor etwas aufgestöbert hatte, was er für einen Winterwolf gehalten hatte.
Was immer es genau gewesen war, es hatte ihn ganz schön gefleddert und zerkratzt, ehe er es erlegt hatte.
Chantia lächelte über seine zerfledderten Ohren und sein zerschrammtes Kinn.
"Musst du immer allein hinaus gehen?", fragte sie dann, mit ein wenig Vorwurf in der Stimme.
Drew betrachtete für einen Augenblick ihre vollen Lippen und ihr hübsches Gesicht, das durch die Schuppen nur schöner wurde.
Er nickte nur.
Sie lachte. "Nein, wieso denn?"
"Vielleicht eine schlechte Angewohntheit?", mutmaßte er.
"Die Anderen würden sich freuen und es wäre ihnen eine Ehre...", setzte sie an, aber Drew unterbrach sie.
"Genau das ist mein Problem. Ich möchte nur jagen und meine Arbeit tun", gab er zurück.
Chantia wirkte verärgert.
"Wieso müsst ihr drei immer wie kalte Klötze sein?!", knurrte sie.
Drew zuckte mit den Schultern. Der Vorwurf prallte an ihm ab.
"Ich verstehe euch nicht, ihr seit die ganze Zeit allein, redet nie, erklärt nichts, und wir sollen wohl erraten, was ihr möchtet?", zeterte sie. Sie erinnerte ihn auf einmal an seine Mutter, wie sie über die Mannsbilder daheim schimpfte.
"Was sollen wir erklären?", fragte er dann, weil ihm nicht besseres einfiel.
Chantia schnappte brüskiert nach Luft, als sei seine Frage absolut dämlich.
"Na wieso - wieso das alles? Wir kriegen hier selten Drachen zu Gesicht, sie kommen einfach herein, fragen ein paar Dinge und gehen wieder. Sie sind nett zu uns und einmal haben sie sogar einen Stamm Orks verjagt, als diese zu zahlreich in der Gegend vorbeizogen. Und immer wenn wir sie fragen - wenn sich überhaupt jemand traut - warum sie uns hüten und wieso sie vorbei kommen, sagen sie, dass sie eben nach uns sehen wollen", schimpfte sie. "So wie die Schäfer aus den Dorf im Tal nach ihrer Herde sehen. Welchen \SINN hat es, dass sie uns geschaffen haben? Wieso bringen sie jetzt neue Drachengeborene wie euch? Und wieso erklären sie uns nichts?", zeterte sie weiter, dass ihr Kinn bebte, "und dann kommt ihr und schweigt!", fügte sie schmollend hinzu.
Drew nickte vorsichtig.
Das musste für diese Leute so sein, als kämen ab und an die Götter zu Besuch, fragten nach dem Wohlbefinden und verschwanden wieder, ohne eine Anleitung, was zu tun war.
Die Götter der anderen Sterblichen hatten wenigstens Prinzipien und Wege, denen man folgen konnte.
Und das Schlimmste war: er hatte ebenfalls nie gefragt. Er hatte es nicht wissen wollen. Er war einfach froh gewesen, dass er lebte und dass er tun und lassen durfte was er wollte.
Es war ein Leben, das ihm eine ganze Weile genügt hatte. Und das war es, was er sich gewünscht hatte im letzten Augenblick seines alten Lebens.
Leben um jeden Preis.
(c) Susanne Forster & Tjörn Sinzig
Kontakt: www.boronk.de oder www.virtualwords.de
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